"Weniger ist oft mehr"
Briefe an die Redaktion

Zum Bericht "Kitas am Samstag öffnen" vom 20. Februar schreibt der Leiter der Fachakademie für Sozialpädagogik:

Die Frage, ob Kitas in Weiden am Samstag und werktags bis 21 Uhr geöffnet werden sollen, wird offensichtlich von allen im Stadtrat vertretenen Parteien in gleicher Weise betrachtet. Das erschreckt mich, weil alternative Gedanken fehlen. Wer steht dabei im Mittelpunkt des Interesses? Und wer bleibt womöglich auf der Strecke?

Als in der Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern Verantwortlicher stellen sich mir folgende Fragen: Inwiefern werden bei den Überlegungen die Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie, Hirnforschung und Bindungsforschung für die Bedürfnisse der Kinder im Elementarbereich berücksichtigt? Sind die Bedürfnisse der Kinder im Blick der Stadtväter und -mütter? Oder sind Kinder die Verfügungsmasse der Bedürfnisse der Erwachsenen und der wirtschaftlichen Interessen? Ist es wirklich erstrebenswert, Kinder immer mehr, immer länger und in immer jüngerem Alter außerfamiliär zu erziehen? Kann sich unsere insgesamt immer reichere Gesellschaft keine dazu alternativen Modelle vorstellen und leisten (dabei steht außer Frage, dass Kindern in problematischen Lebenssituationen geholfen werden muss)?

Heißt "familienfreundliche Gesellschaft und Arbeit" ausschließlich "immer mehr außerfamiliär betreute Erziehung"? Wäre familienfreundlich nicht vielmehr: Rücksicht auf Räume und Zeiten der Regeneration und viel mehr gemeinsame Zeiten für die Familien; sich Kinder "leisten" können (ohne Minijobs am Samstag und in den Abend hinein)? Ist Standortattraktivität einer Stadt nicht auch die Attraktivität der Wahl für Familien, ohne finanzielle Verluste das Wochenende und den Abend mit den Kindern verbringen zu können? Viele in der Erziehung Tätige beobachten eine Zunahme der Kinder und Jugendlichen mit hohem Betreuungs- oder Förderbedarf in den Basiskompetenzen. Kann das nicht auch damit zusammenhängen, dass Familien zunehmend weniger Möglichkeit haben, einen entspannten und geregelten Lebensrhythmus aufzubauen?

Nicht zuletzt frage ich auch nach den Bedürfnissen der Erzieher, die die erweiterten Öffnungszeiten abdecken sollen. Zum Schluss noch: Baut die Stadt an neuen Betreuungsmodellen, während sie bewährte Einrichtungen (z.B. Tohuwabohu) in Frage stellt? Sicher müssen diese Fragen diskutiert werden. Sie rühren an der eingeschlagenen Grundausrichtung der Gesellschaft und fragen nach Werten bezüglich der Erziehung. Allerdings enttäuscht mich, dass sie von keiner der Parteien im Stadtrat formuliert werden, sondern alle nur in eine Richtung blicken: mehr außerfamiliäre Betreuung. Weniger ist oft mehr!

Karlheinz Binner,Weiden

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