Wenn Jugendliche nicht übernommen werden - Keine Zeit, um Wunden zu lecken - Umgehend aktiv ...
Nach der Lehre vor dem Aus

(dpa/tmn) Wenn sie eine Lehrstelle gefunden haben, denken manche, sie hätten es geschafft. Ein Irrtum: Denn am Ende der Lehre müssen Azubis sich erneut beweisen. Dann gilt es, eine feste Anstellung zu bekommen. Nicht bei allen klappt das auf Anhieb: Im Juli 2014 waren bei der Bundesarbeitsagentur 68 000 junge Menschen als arbeitslos registriert, die nach der Lehre nicht übernommen wurden. Einige sind freiwillig gegangen, um zum Beispiel ein Studium anzuschließen. Doch manche wären gern im Ausbildungsbetrieb geblieben. Für sie ist es wichtig, rasch aktiv zu werden.

Übernahmen steigen

Statistisch gesehen sind die Übernahmechancen nach der Lehre gut: 2013 wurden zwei Drittel (67 Prozent) der Absolventen einer Ausbildung von ihrem Lehrbetrieb übernommen. Das sind deutlich mehr als noch vor einigen Jahren, erläutert Prof. Lutz Bellmann. Er forscht am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit. Im Jahr 2000 blieb nur etwas mehr als jeder Zweite (58 Prozent) bei seinem Ausbildungsbetrieb.

In großen Betrieben haben Kandidaten nach der Lehre deutlich bessere Karten als in kleinen: In Firmen mit 50 bis 499 Beschäftigten wurden 2012 nach Zahlen des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) im Schnitt sieben von zehn (70 Prozent) Auszubildende übernommen. In Betrieben mit nur 1 bis 9 Mitarbeitern war es nur jeder Zweite (50 Prozent).

Gut jeder vierte Absolvent (27,1 Prozent) verließ 2010 den Betrieb auf eigenen Wunsch. "Grund kann sein, dass Jugendliche zu einer anderen Firma wechseln oder sie ein Studium aufnehmen wollen", erläutert Sabine Mohr vom BIBB. Jeder Zehnte (10,2 Prozent) konnte dagegen aus betriebsbedingten Gründen nicht bleiben. Diese Jugendlichen müssen sich notgedrungen umorientieren.

"Nach der Lehre nicht übernommen zu werden, obwohl der Wunsch besteht, ist also zum Glück selten", fasst es Prof. Bellmann zusammen. Für diese Gruppe sei die Situation aber umso ernster. "Die werden von den Personalern natürlich kritisch beäugt." Wer keine gute Erklärung für den Weggang hat, gilt möglicherweise schnell als schwierig und kompliziert. Doch was tun?

Wer den Betrieb nicht freiwillig verlassen will, sollte zunächst alle Hebel in Bewegung setzen, doch noch übernommen zu werden, rät Prof. Bellmann. In einigen Tarifverträgen sei vorgesehen, dass Auszubildende nach der Lehre für mindestens sechs Monate beschäftigt werden müssen. Jugendliche sollten deshalb den Betriebsrat einschalten - wenn es einen gibt - und prüfen, ob entsprechende Regelungen eingehalten werden müssen.

Chef fragen

Wichtig ist außerdem, früh in Erfahrung zu bringen, ob eine Übernahme ausgeschlossen ist, erklärt Mohr vom BIBB. So bleibt Jugendlichen mehr Zeit, sich gegebenenfalls umzuorientieren. Auch wenn es unangenehmen ist: Kommt der Chef nicht von sich aus auf die Auszubildenden zu, sollten sie selbst nachfragen. Das können sie ruhig schon sechs Monate vor Ausbildungsende machen.

Wissen Azubis, dass sie nicht übernommen werden, sollten sie sich sofort bei der Arbeitsagentur melden, sagt Ilona Mirtschin von der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg. So sichern sie sich ihren Anspruch auf Arbeitslosengeld I. Der Staat zahlt ihnen bei Bedarf ein Jahr lang rund 60 Prozent ihrer Ausbildungsvergütung und mehr. Eventuell stehen ihnen zusätzlich Aufstockerleistungen im Rahmen des Arbeitslosengeldes II zu.

Keine Angst

Eine frühe Meldung bei der Bundesarbeitsagentur erhöht außerdem die Vermittlungschancen. Die Meldung sei bereits sinnvoll, wenn Jugendliche nur befürchten, dass sie nicht übernommen werden, es aber nicht sicher wissen. Niemand brauche Angst haben, dann abgewiesen zu werden, sagt Mirtschin.

Wichtig ist: Wer auf Übernahme gehofft hat und enttäuscht wurde, sollte auf jeden Fall aktiv werden. Dann ist keine Zeit zum Wundenlecken. Die Mehrheit der Betroffenen kommt schnell wieder unter. Das legt zumindest die Statistik nahe: "Von denen, die sich nach Lehrende im Juli arbeitslos melden, tauchen 75 Prozent Ende Oktober in der Statistik nicht mehr auf", erläutert Mirtschin von der Arbeitsagentur. Das bedeutet, sie haben einen neuen Job - oder sie haben sich dafür entschieden, sich weiterzuqualifizieren.
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