Widerspruch: Was haben die Interventionen des Westens letztendlich gebracht?

Zum Interview mit Professor Dr. Stephan Bierling "Deutschland muss mehr Verantwortung übernehmen":

Wenn die Meinungsäußerung eines Politikwissenschaftlers so sehr mit dem politischen und medialen Mainstream konform geht wie in diesem Interview, ist Skepsis geboten.

Im Hinblick auf die Schuldzuweisung im Zusammenhang mit der aktuellen Ukraine-Krise vertreten nicht wenige seiner Kollegen andere Positionen, etwa der US-Politologe Prof. Dr. Mearsheimer, der nicht Putin, sondern dem Westen und vor allem den USA die Hauptschuld für die Entstehung und Zuspitzung dieses Konflikts anlastet. Freilich ist der Autor auch nicht wie so mancher deutsche Politologe durch transatlantische Nibelungentreue vorbelastet. Im Übrigen werfen die Antworten des Herrn Professors auf die klug gestellten Fragen mindestens doppelt so viele neue Fragen auf. Was meint Prof. Bierling z.B. konkret, wenn er fordert, Deutschland müsse noch mehr Lasten für die Rettung des Euro übernehmen? Warum spricht er nicht im Klartext von Euro-Bonds? Mit welcher juristischen oder sonstigen Berechtigung behauptet er, Deutschland sei "Garantiemacht des Euro"?

Viele Fragen bleiben auch bei seinen Auslassungen zu den außereuropäischen Krisen und Konflikten: Welchen Anteil an der Entstehung von Dauerkrisen im Nahen und Mittleren Osten sowie in Afrika haben die Kolonialmächte, indem sie z. B. ohne Rücksicht auf die ethnische und religiöse Identität der Bevölkerung und lediglich nach ihrer jeweiligen Interessenlage Staatsgrenzen festlegten? Ist es wirklich die Aufgabe Deutschlands, für die fatalen Folgen dieser verfehlten Politik Verantwortung zu übernehmen, oder sollten die betreffenden Staaten nicht die Folgen ihrer "Selbstprivilegierung" in der Zeit des Kolonialismus tragen?

Diese Regionen seien nicht "die gesunden Knochen eines einzigen pommerschen Grenadiers wert", urteilte einst Bismarck mit Blick auf das Rumoren auf dem Balkan im späten 19. Jahrhundert. Passt dieses Wort nicht auch zur heutigen Situation in Afrika und im Nahen Osten? Welche unrühmliche Rolle spielte unser transatlantischer Verbündeter im Verbund u.a. mit dem Despotenstaat Saudi-Arabien beim syrischen Bürgerkrieg, der schließlich außer Kontrolle geriet und zum IS-Flächenbrand ausartete? Was haben all diese Interventionen des Westens gebracht außer Chaos und Tod und Elend?

Alle diese Fragen werden beantwortet im leider letzten Buch von Peter Scholl-Latour. Es trägt den vielsagenden Titel "Der Fluch der bösen Tat". Der Autor saß zwar nie auf einem Lehrstuhl, hat aber ein ganzes Berufsleben lang die weltweiten Krisen in ihren Brennpunkten aus eigener Anschauung miterlebt.

Karl-Heinz Ruda 92545 Niedermurach
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