Wissenschaftliche Sensation
Kleine Sonne auf Erden

Ein Licht geht auf: Die wissenschaftliche Direktorin der Forschungsanlage "Wendelstein 7-X", Sibylle Günter, zeigt in Greifswald (Mecklenburg-Vorpommern) vor der Kernfusionsforschungsanlage ein farbig aufbereitetes Computerbild vom ersten Plasma aus der Forschungsanlage. Bild: dpa

Nach einigen Rückschlägen und Verzögerungen ist das erste Experiment des "Wendelstein 7-X" gestartet. Kann die Kernfusion in Zukunft ein Beitrag für eine umweltfreundliche Energieversorgung sein?

Greifswald. 50 Millisekunden Leuchten, dann großer Jubel wie bei der Nasa nach einem geglückten Raketenstart: In der Kernfusionsforschungsanlage "Wendelstein 7-X" in Greifswald ist am Donnerstag das erste Plasma erzeugt worden. 10 Milligramm Helium wurden in ein Magnetfeld einer Vakuumkammer der 725 Tonnen schweren Anlage eingeleitet, auf eine Million Grad erhitzt und dann in den Plasmazustand gebracht. Damit begann das Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP) rund zehn Jahre nach dem Beginn der Hauptmontage und nach mehreren Rückschlägen mit den ersten Tests in der Anlage, die die Verschmelzung von Atomkernen zum Zweck einer kohlenstofffreien Energieerzeugung erforschen soll.

Lösung für Energiefragen


"Das ist ein toller Tag", sagte die Wissenschaftliche Direktorin Sibylle Günter nach dem ersten Experiment in Mecklenburg-Vorpommern. Bejubelt wurden die ersten Experimente auch von Wissenschaftlern, die aus anderen Ländern Europas, aus Asien und Amerika nach Greifswald gereist waren oder über Videoschalten den Start des Experiments verfolgten. Gemeinsam zählten sie unter Leitung des technischen Leiters Stephan Bosch den Countdown herunter.

In der eine Milliarde Euro teuren Anlage wollen Forscher die Fusion analog den Prozessen auf der Sonne erforschen, um sie später auf der Erde als Form der Energiegewinnung nutzbar zu machen. Dafür ist die Erzeugung eines Plasmas - eines ionisierten Gases - erforderlich, damit Atomkerne verschmelzen und dabei riesige Mengen Energie freigeben können. "Wendelstein 7-X" ist nach Angaben des Instituts das weltweit modernste und neben einer Anlage in Japan größte Fusionsexperiment vom Typ "Stellarator". Eine Fusion von Atomkernen ist in Greifswald nicht geplant.

Bei dem Experiment am Donnerstag wurde das stark verdünnte Plasma für 50 Millisekunden erzeugt. Ziel ist es, später im "Wendelstein 7-X" ein Wasserstoffplasma für eine halbe Stunde zu halten. Für die Erzeugung eines Plasmas aus dem Wasserstoffisotop Deuterium sind Temperaturen von bis zu 100 Millionen Grad erforderlich. Diese Experimente sollen frühestens Ende 2017 beginnen.

Seit mehr als 60 Jahren arbeiten Forscher daran, die Kernfusion als umweltfreundliche Energiequelle nutzbar zu machen. Grüne und Umweltverbände hatten vor Sicherheitsrisiken der Technologie gewarnt und die hohen Kosten kritisiert. Bis zum ersten Kraftwerk - so Günters Prognosen - würden noch rund 35 Jahre vergehen.
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