Wohnen in der Scheune

Ein Traumhaus kann jeder haben. Manchmal findet man sie sogar direkt um die Ecke, mitten im Dorfkern, unbewohnt. Es handelt sich um alte Scheunen, die immer häufiger zum Wohnhaus umgebaut werden. Das Besondere: Die großen Hallen lassen loftartige Grundrisse zu.

(dpa/tmn) Früher lagerten in der Scheune im sächsischen Frankenthal die Pferdegespanne und das Heu fürs Vieh. Man kann sich gut vorstellen, wie die Bauern nach getaner Arbeit vor dem Gebäude unter dem Baum saßen, sich ausruhten. Äußerlich hat sich seither kaum etwas getan, so könnte es auch um 1900 ausgesehen haben. Aber heute hängt an dem Baum eine bunte Plastikschaukel, daneben gibt es einen Sandkasten. Und hinter dem Scheuneneingang mit den aufgeklappten Holztoren ist die Terrasse des Hauses. Stühle stehen darauf, eine Hängematte baumelt von der Decke.

Aus der alten Scheune ist ein traumhaftes Wohnhaus geworden. Dazu noch eines, das architektonisch und energetisch neuesten Standards entspricht. Dafür wurde die Besitzerin Anja Klinger mit dem Award der KfW-Förderbank 2015 ausgezeichnet.

In Deutschlands ländlichen Gegenden gibt es unzählige alte landwirtschaftliche Gebäude, die heute ungenutzt sind. Für jene, die in ihren Heimatgemeinden leben wollen, aber nur teure Bauplätze finden, ist ihre Sanierung eine Chance. Denn seit langem leerstehende Gebäude können vergleichsweise billig zum Verkauf angeboten werden. Und oft liegen die Gebäude auf den besten Grundstücken des Ortes: im Dorfkern oder wie in Klingers Fall auf einer gut einsehbaren Anhöhe. Der Umbau dieser Objekte kann auch einen Beitrag zum Erhalt des traditionellen Dorflebens leisten, denn diese Gebäude bestimmen die Optik des Ortes - noch. Wenn neues Bauland ausgeschrieben wird und moderne Einfamilienhäuser daraufgesetzt werden, ist das eine optische Zäsur, findet der Schweizer Architekt Thomas Metzler. Auch müssen die neuen Häuser viel weiter weg von den Straßen stehen als die alten Gebäude. "Das ergibt nach und nach eine andere Anmutung des Dorfkerns."

Hohe Decken

Gerade alte Scheunen scheinen in den Fokus vieler Architekten und Bauherren zu rücken. Es sind große Hallen mit hohen Decken, ohne Innenwände. Das ergibt viel Raum, um die Wohnräume der Besitzer so zu gestalten, wie sie es wollen. Sogar loftartige Grundrisse sind möglich. Das ist der große Vorteil dieser Gebäude im Vergleich zu den alten bäuerlichen Wohnhäusern mit teils geringen Raumhöhen. Auch Anja Klinger, die als Architektin die Scheune in Sachsen selbst umgebaut hat, sagt: "Wir wollten kein altes Bauernhaus mit kleinen Räumen und wenig gestalterischen Möglichkeiten."

Nur vier Objekte schaute sich Klingers Familie an, dann fiel ihre Wahl auf die alte, 27 Meter lange und 13 Meter breite Scheune. Klinger plante drei Etagen ein, wobei das Zentrum ein hoher, offener Raum ist - in dessen Mitte steht der Esstisch. Klinger war es bei den Umbauten wichtig, dass "die Scheune Scheune bleibt" - und so das Ortsbild erhalten. Sogar die Außenwand haben die Bauleute nicht extra hergerichtet, sondern nur einzelne Stellen ausgebessert.

Es gab aber auch Probleme: Die Nutzungsänderung zieht nach sich, dass energieeffiziente Maßnahmen nötig werden, die sich an jenen für Neubauten orientieren. Aber hier ist das oft baulich nur schwer, teuer oder gar nicht umsetzbar. Ein solches Problem ist die Dämmung. Steht das Gebäude sogar noch unter Denkmalschutz, kann es unter Umständen sein, dass die Außenhülle gar nicht verhängt werden darf.

Haus in der Scheune

Architektin Klinger löste das, indem sie statt einer einfachen Dämmung eine radikale Maßnahme wählte: In die alte Scheune hinein wurde ein neues Haus in Form einer Holzkonstruktion mit eigener Wärmedämmung gebaut. Die alte Fassade ist nur noch hübsche Verpackung und Regenschutz. Hans Kollhoff, Jury-Vorsitzender des KfW-Awards, nennt diesen Umbau "wirklich intelligent auf eine ganz einfache, verblüffend direkte Weise."

Die Familie hat nur so viele Räume angelegt, wie sie bislang braucht - etwa 550 von insgesamt 700 Quadratmeter möglicher Wohnfläche stehen noch leer und können jederzeit in neue Räume umgewandelt werden, ob für Kinderzimmer, Büro oder eine Einliegerwohnung. Derzeit lagern dort Fahrräder und Brennholz.

Architekt Metzler nutzte eine ähnliche Lösung für die Dämmung einer Scheune in Uesslingen in der Schweiz: Auch hier wurde innerhalb der alten Bruchsteinmauern eine neue Holzkonstruktion aufgebaut, die für einen guten Dämmwert sorgt. Trotzdem war beim Bau nicht jeder Eingriff möglich. So lässt sich das Erdgeschoss nur zum Teil beheizen. Metzler betont daher: "Bei solchen Gebäuden muss man immer individuelle Lösungen suchen." Genau das ist für ihn ein weiterer Vorteil der Scheunen gegenüber dem Umbau alter Bauernhäuser - in letzteren sind viele Lösungen aufgrund der Statik erst gar nicht denkbar.

Problem mit der Helligkeit

Selbst der Innenausbau ist herausfordernd. "Bei so einem Umbau hat man viel größere Raumtiefen als beim konventionellen Haus", sagt Metzler. Das ergibt ein Problem mit der Helligkeit. Um lichtdurchflutete Räume zu erhalten, muss man eigentlich zusätzliche Fensteröffnungen in die Fassade brechen. Klinger verzichtete darauf. Sie hinterlegte stattdessen die offenen Scheunentore mit Glas, was große Fensterflächen und eine Terrassentür ergab. Und es gibt nun Dachfenster, die in der offenen Innenraum-Konstruktion für Licht im ganzen Haus sorgen.

Metzler stört aus gestalterischer Sicht das Licht-Problem gar nicht. "Ich finde es immer schön, wenn ein Wohnhaus sowohl große wie kleine Räume, helle wie dunkle Räume hat. Es gibt nichts Langweiligeres, als wenn alle Räume gleich sind."
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