Workaholic im Alten Rathaus

Für Oberbürgermeister Joachim Wolbergs ist Regensburg mit fast so vielen Arbeitsplätzen wie Einwohnern der starke Motor für die gesamte Oberpfalz.

Herr Wolbergs, Sie sind am 30. März mit der großen Mehrheit von 70 Prozent der Stimmen in der Stichwahl zum neuen Oberbürgermeister von Regensburg gewählt worden. Wie war Ihr erstes halbes Jahr als Oberbürgermeister?

Joachim Wolbergs : Die Einarbeitung hielt sich in überschaubaren Grenzen, ich war die sechs Jahre zuvor ja schon Bürgermeister. Daher kannte ich unsere - im Übrigen großartige - Verwaltung schon sehr gut. Ich konnte also recht zügig an neue Projekte gehen und bereits angeschobene abschließen oder weiterentwickeln: So hat zum Beispiel unsere neue Fußballarena mit Continental einen Namenssponsor bekommen, und der Stadtrat hat der Erweiterung des Regensburger BMW-Werks zugestimmt.

Wir waren maßgeblich daran beteiligt, dass in Regensburg eine der dringend benötigten neuen Erstaufnahmeeinrichtungen für Asylsuchende entstehen kann. Alle Beschäftigten in unserem Seniorenstift werden wieder nach dem Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst bezahlt und damit bessergestellt. Wir haben am Theater die Einstiegsgehälter junger Künstler deutlich erhöht, wir fördern mit einem namhaften Betrag den Neubau eines Sportinternats ... Glauben Sie mir: Wenn es um Regensburg geht, können Arbeitstage mit zwölf Stunden und mehr richtig Spaß machen.

Ihr Vorgänger Hans Schaidinger hat Ihnen eine Stadt übergeben, die mit hervorragenden Wirtschaftsdaten protzen kann. In vielen nationalen Rankings liegt Regensburg vor Städten wie München oder Frankfurt. Die Oberpfalz zählt weiterhin auf ein starkes Zentrum Regensburg. Welchen Stellenwert hat die Wirtschaftspolitik beim neuen OB Wolbergs?

Wolbergs : Das Sichern und Schaffen von Arbeitsplätzen ist mir sehr, sehr wichtig. Regensburg ist mit fast so vielen Arbeitsplätzen wie Einwohnern der starke Motor für die gesamte Oberpfalz und die angrenzenden niederbayerischen Regionen. Dieser Erfolg ist hart erarbeitet, und in dieser Arbeit werde ich nicht nachlassen.

Unsere kommunale Finanzkraft wie auch generell die Attraktivität Regensburgs hängen sehr wesentlich davon ab, wie es unseren Unternehmen geht. Wir müssen das Erreichte hegen und pflegen und gleichzeitig Neues fördern - wie etwa die Kreativ-Wirtschaft oder andere Branchen, die sich gerade sehr gut entwickeln. Da habe ich noch viel vor.

Ein sozialeres Stadtklima war eine der zentralen Aussagen in Ihrem OB-Wahlkampf. Das Thema "Integration" haben Sie zur Chefsache erklärt. In Regensburg soll eine neue Willkommenskultur sichtbar werden. Wie wichtig ist für die Entwicklung einer Stadt wie Regensburg eine soziale Stadtgesellschaft?

Wolbergs : Unsere Stadt hat sich in den vergangenen 20 Jahren auch deswegen fast wie im Lehrbuch entwickeln können, weil es keine dramatischen sozialen Spannungen gegeben hat. Und trotzdem gibt es bei uns soziale Ungleichgewichte: Nicht wenige Menschen in Regensburg leben am Existenzminimum, nicht wenige müssen in zwei Jobs arbeiten, um über die Runden zu kommen. Die Stadt tut ja jetzt schon sehr viel für Menschen, die finanziell benachteiligt sind, vor allem das Wohlergehen der Kinder haben wir da fest im Blick. Zum oft zitierten Regensburger Gefühl gehört unbedingt die soziale Gerechtigkeit - auch das macht das Einzigartige unserer Stadt aus.

Regensburg ist ein teures Immobilienpflaster, günstiger Wohnraum eine Rarität. Neue Viertel entstehen. Welche Grundprinzipien sollten eine städtebauliche Entwicklung prägen?

Wolbergs : Wohnraum muss generell erschwinglich sein - für alle Einkommensschichten. Allerdings gelten hier weit überwiegend die Gesetze des Marktes, auf den eine Stadt nur mit wenigen Instrumenten einwirken kann. Und diese Instrumente nutzen wir, um den Kostenanstieg beim Wohnraum zu dämpfen.

Aktuell hat der Stadtrat für einen Teil eines großen Wohnbauprojekts die Vergabekriterien nachträglich geändert: Hier sollen jetzt solche Investoren zum Zug kommen, die Wohnungen mit einem ordentlichen Standard zu möglichst geringen Mieten oder Kaufpreisen anbieten werden. Zudem wollen wir den Anteil von öffentlich geförderten Neubauwohnungen mit einer für zehn Jahre eingefrorenen Miet-Obergrenze deutlich erhöhen. Im Kern geht es aber vor allem um das schnelle Schaffen von Baurecht, damit wir die fehlenden 2500 Wohnungen bekommen.

60 000 Einpendler täglich zeigen, wie sehr Stadt und Land miteinander vernetzt und aufeinander angewiesen sind. Auch Ihre Kollegin im Landratsamt, Tanja Schweiger von den Freien Wählern, ist neu in ihrem Amt. Welche Prioritäten haben Sie in Bezug auf Kooperationen mit dem Landkreis?

Wolbergs : Tanja Schweiger und ich haben eine enge Zusammenarbeit bei allen gemeinsamen Themen verabredet, etwa bei der Ansiedlung von Arbeitsplätzen, beim öffentlichen Nahverkehr, im Bereich Bildungsinfrastruktur, bei Freizeitprojekten und beim Ausbau der Fernverbindungen. Generell will ich die Zusammenarbeit von Stadt und Landkreis intensivieren - ein weiteres Wachstum bei Arbeitsplätzen und Wohnbauten erreichen wir zusammen besser.

Die Kreativ-Wirtschaft war ein großes (Streit-)Thema im Wahlkampf. Wie weit sind Ihre Ideen gediehen, hier ein Cluster zu schaffen?

Wolbergs : Wir haben in der neuen Stadtratskoalition vereinbart, eine Managerstelle für die Kultur- und Kreativ-Wirtschaft zu schaffen. Es geht dabei um Unterstützung bei der Firmengründung, der Finanzierung und Qualifizierung und um Hilfestellung dabei, wie ein Kreativ-Produkt auf den Markt kommen kann.

Wir stellen uns ein eigenes Kreativ-Quartier vor, eine Art Gründerzentrum für Kreativ- und Kulturunternehmer. Wir wollen in Regensburg eine besondere Atmosphäre schaffen, die Kreative inspiriert, in der sie sich noch mehr als bisher schon wohlfühlen.

Die Region Ostbayern soll zu einer Vorbildregion in der Gesundheitswirtschaft werden. Wie soll das gehen und welches Potenzial bietet dieser Wirtschaftszweig für die Region?

Wolbergs : Zunächst einmal: Was früher Gesundheitswesen hieß, das heißt jetzt Gesundheitswirtschaft. Und hier wie da ist Regensburg mit seinen Kliniken und zahlreichen Fachärzten schon bestens aufgestellt. Der gute Ruf unserer Kliniken und das Können der Mediziner ziehen jetzt schon viele Patienten von weit her an, auch aus dem Ausland. Was sich noch wie verbessern lässt, wollen wir im kommenden Jahr mit einer Potenzial-Analyse herausfinden.
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