Zehn Jahre nach Plutos Degradierung
Zwergplaneten kommen groß raus

Die Illustration der Internationalen Astronomischen Union (IAU) zeigt neu definierte Planeten und Zwergplaneten des Sonnensystems: Am 24. August 2006 verlor unser Sonnensystem seinen neunten Planeten: Pluto, die ferne Eiswelt, wurde von der Internationalen Astronomischen Union IAU zum Zwergplaneten degradiert. Bild: IAU/Martin Kommesser/dpa
 
Der Zwergplanet Pluto in einer farbverstärkten Aufnahme der Nasa. Bild: NASA/JHUAPL/SwRI

Acht Planeten hat unser Sonnensystem: Merkur, Venus, Mars, Jupiter,
Saturn, Uranus, Neptun und die Erde. Es gab sogar mal einen neunten: Pluto.
Er löste einen wissenschaftlichen Streit aus, der bis heute anhält.

Am 24. August 2006 verlor unser Sonnensystem
seinen neunten Planeten: Pluto, die ferne Eiswelt, wurde von der
Internationalen Astronomischen Union IAU zum Zwergplaneten
degradiert. Die umstrittene Herabstufung Plutos war eine Konsequenz
der ersten wissenschaftlichen Definition der Bezeichnung Planet, die
von der IAU-Vollversammlung in Prag an jenem Tag vor zehn Jahren
beschlossen worden war. Seitdem hat unser Sonnensystem nur noch acht
Planeten. Hunderte Lexika, Schul- und Lehrbücher mussten geändert
werden - und bis heute schwelt der Streit unter den Fachleuten über
die Degradierung Plutos. Derweil wächst die Liste der Zwergplaneten.

Kleine Körper fern der Sonne


Nötig geworden war die Planetendefinition, weil immer mehr
Himmelskörper in den Außenbezirken des Sonnensystems entdeckt wurden,
wo auch Pluto seine Bahn zieht. «Ende des 20. Jahrhunderts kannte man
bereits ein paar hundert solcher Objekte, von denen einige ähnliche
Bahnen hatten wie Pluto und fast an seine Größe heranreichten»,
erläutert der Astronom Hermann Böhnhardt vom Göttinger
Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung. «Dadurch entstand die
Frage: Was tun mit diesen Objekten? Wenn man sie auch alle als
Planeten bezeichnet, werden es unter Umständen sehr viele.»

Stein des Anstoßes für die Pluto-Degradierung war dann der
Himmelskörper 2003 UB313, der wie Pluto jenseits des Neptun um die
Sonne kreist und sogar etwas mehr Masse besitzt als der Eiszwerg. Die
Entdecker um Mike Brown vom California Institute of Technology hatten
daher beantragt, ihren Fund als zehnten Planeten einzustufen.

Kein echter Planet mehr


Angesichts der zunehmenden Zahl ähnlicher Entdeckungen stimmten die
Delegierten der IAU-Vollversammlung darüber ab, was aus Sicht der
Wissenschaft einen Planeten ausmacht. «Eine wissenschaftliche
Definition eines Planeten gab es nicht - der Begriff hat sich
historisch entwickelt», so Böhnhardt. «Er entstammt dem Griechischen
und bedeutet umherirrender Stern.» Planeten waren ursprünglich solche
Objekte, die im Gegensatz zu den Fixsternen deutlich sichtbar über
das irdische Firmament wandern, so dass sie ihre Position relativ zu
den scheinbar unbeweglichen Sternen verändern.

Gemäß der IAU-Definition ist ein Planet nun ein Himmelskörper, der
die Sonne umkreist, kein Mond ist, eine annähernd kugelförmige
Gestalt hat - der Fachausdruck hierfür lautet hydrostatisches
Gleichgewicht - und seine Umgebung von anderen Himmelskörpern
freigeräumt hat. «Die Konsequenz war für Pluto, dass er nicht mehr
die Planetenkriterien erfüllt», sagt Böhnhardt. Pluto kreist zwar um
die Sonne, ist kugelförmig und kein Mond, aber er teilt sich seine
Heimatregion mit zahlreichen anderen Himmelsobjekten.

"Emotionale" Schwierigkeiten


«Die Planetendefinition ist ziemlich gelungen, auch wenn es eventuell
emotionale Schwierigkeiten damit gibt», urteilt Böhnhardt. Die
Definition sei auch für fremde Sonnensysteme anwendbar. «Auch für
Exoplaneten ist das eine brauchbare Definition.»

Noch am Tag der Abstimmung stritten die Astronomen auf der
Vollversammlung allerdings heftig über die Definition. Dieser Streit
hält bis heute an. Einer der prominentesten Kritiker ist der
US-Astronom Alan Stern, wissenschaftlicher Leiter der «New
Horizons»-Mission, die just im Jahr von Plutos Degradierung zu dem
Eiszwerg gestartet war. Nachdem die Sonde der US-Raumfahrtbehörde
Nasa im vergangenen Jahr die ersten spektakulären Aufnahmen zur Erde
gefunkt hatte, sagte Stern «Zeit online»: «Ich glaube, jetzt sehen
alle Pluto und sagen «Hey, das ist wirklich ein Planet». Wir
Planetenforscher nennen Objekte wie Pluto auch weiterhin Planeten.»

Eine neue Klasse von Himmelskörpern


Für Objekte wie Pluto schuf die IAU die neue Klasse der
Zwergplaneten. Das sind solche Himmelsobjekte, die wie Pluto das
letzte Kriterium der Planetendefinition nicht erfüllen.

Pluto, der einen Durchmesser von 2274 Kilometern hat, wurde
Gründungsmitglied der neuen Klasse. Ebenfalls aufgenommen wurde 2003
UB313, der nach der griechischen Göttin der Zwietracht Eris benannt
wurde, sowie Ceres aus dem Asteroidengürtel zwischen Mars und
Jupiter. Seitdem wächst die Zahl: Mittlerweile gibt es schon fünf
Zwergplaneten und mehr als ein Dutzend Kandidaten.

«Mit der Definition von Zwergplaneten hat sich die IAU etwas schwer
getan, wirklich gelungen ist diese Definition nicht», sagt
Planetenforscher Böhnhardt. «Sie wird zwar benutzt, ist aber ein
wenig eine Konzession an den degradierten Pluto.»

Eine neue Nummer 9?


Eris-Entdecker Mike Brown, der im Kurznachrichtendienst Twitter unter
«@plutokiller» firmiert und ein Buch über die Degradierung Plutos
geschrieben hat, müht sich unterdessen, unserem Sonnensystem einen
neunten Planeten zurückzugeben. Bei der Erforschung der fernen
Außenbezirke unseres Systems haben Brown und sein Kollege Konstantin
Batygin indirekte Hinweise auf einen noch unentdeckten fernen
Planeten gefunden, der größer sein soll als die Erde.

«Planet Neun», wie der Arbeitstitel lautet, könnte unter anderem
erklären, warum mindestens sechs ferne Objekte jenseits von Pluto
erstaunlich gleiche Umlaufbahnen haben, was nach Berechnung von Brown
und Batygin nur zu 0,007 Prozent zufällig zustande gekommen sein
kann. Brown ist überzeugt von seiner Hypothese, wie er in seinem Blog
http://www.findplanetnine.com schreibt: «Anders als manche Hypothesen
hat diese einen eindeutigen Test. Wir müssen ihn finden. Das werden
wir. Ich habe sehr wenig Zweifel, dass wir das werden.»
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