Zum 100. Geburtstag noch immer ein Mythos
Der BH: Freund oder Feind

Bild: dpa
Vermischtes DE/WELT
Deutschland und die Welt
16.04.2014
138
0
 
Bild: dpa
 
Anne-Luise Lübbe gehört nun nicht mehr zu den Frauen, die ihre Körbchengröße nicht kennen. Bild: privat

Es zwickt und zwackt an allen Ecken. Die Schultern sind aufgewetzt, fast schon blutig, durch die schmalen Träger, die das Gewicht der Brüste halten müssen. Und trotzdem traut sich keiner so richtig an das Thema "BH" heran. Warum nicht einfach mal die Verkäuferin nach der richtigen Passform fragen? Nee, lieber erstmal selbst schauen. Ist doch peinlich und schließlich kennt man ja seine Größe. Denkste!

Von Anne Spitaler

Während Männer angeblich von dem Mythos Doppel-D träumen, einer Körbchengröße, die es in Deutschland gar nicht gibt, sind viele Frauen genauso ahnungslos: Jede Zweite kennt angeblich ihre BH-Größe nicht und jede Dritte trägt den falschen Büstenhalter. Und das auch 100 Jahre nach Mary Phelps Jacob noch. Sie hat das BH-Modell neu interpretiert und schließlich am 12. Februar 1914 als Patent angemeldet. Es war der Renner. Seitdem tragen Frauen weltweit Modelle nach Phelps Jacobs Konzept. Doch die richtige Passform ist weiterhin ein Problem. Und selbst Mediziner und Wissenschaftler sind sich nicht einig, was Büstenhalter am weiblichen Körper bewirken.

Anne-Luise Lübbe kennt das. Sie gehörte bis vor Kurzem noch zu den Frauen, die die falschen Büstenhalter tragen. Doch nach langem Suchen hatte sie ein Aha-Erlebnis. Zum ersten Mal in ihrem Leben fand sie den passenden BH. Auf der Internetseite Busenfreundinnen.net. Und die passende Beratung gleich mit dazu. Endlich fühlte sie sich nicht mehr eingeengt und musste nicht ständig an den Trägern und Körbchen zupfen. Und das Beste daran: Auch die Rückenschmerzen sind weg.

Im Internet gibt es mittlerweile einige Seiten, auf denen sich Frauen ihre Körbchengröße errechnen können. Auch ein BraWiki finden Frauen heute online. Dort sind die wichtigsten Fragen rund um das Thema "BH" und die passenden Antworten dazu aufgelistet.

Lübbe ist heute Brafitterin, also BH-Beraterin, und selbstständig. In Hannover führt sie einen kleinen Laden und berät dort Frauen jeden Alters. Außerdem ist sie Bloggerin. Natürlich bloggt sie über BH. Was sonst!

Wieder kein Glück - Schnitte und geringe Größenauswahl erschweren BH-Kauf


In ihrem Blog erklärt sie der Frauenwelt, wie ein Büstenhalter sitzen muss. Als sie anfing, sich näher mit dem Thema zu befassen, merkte sie sogar in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis, dass das Thema "Unterwäschekauf" schambehaftet ist. Anders als erwartet nicht wegen des Bezugs zur Nacktheit oder Erotik, sondern weil Frauen ständig damit konfrontiert werden, dass ihr Körper scheinbar nicht normal ist:

"Die Erfahrung, im Laden nichts zu finden, das wirklich richtig passt, ist so ziemlich jeder Frau bekannt. Frauen mit kleineren Brüsten denken oft, dass es Frauen mit großer Oberweite leichter hätten, einen passenden BH zu finden - und umgekehrt. Viele schließen aus ihren negativen Einkaufserlebnissen, dass sie eben seltsam anatomisch geformt sind. Das kann ich total gut verstehen, denn in den meisten Läden findet man nur eine kleine Größenauswahl und leider sehr häufig schwierige Schnitte. Wenn man im Kaufhaus oder den bekannten Ketten einen gut passenden BH finden möchte, muss man also schon sehr viel Glück haben. Das ist den meisten Frauen aber nicht bewusst - Kundinnen sowie Verkäuferinnen. Oft stehen sich beide etwas ratlos gegenüber und man kommt zu dem Schluss, dass es wohl nichts besseres gibt", erzählt Lübbe aus Erfahrung.

Die handelsüblichen Büstenhalter passen nur sehr wenigen Frauen. "Die Größentabellen stammen noch aus der Korsettmacherei der 1930er Jahre, sind aber längst schon überholt. Mikrofaser, Elasthan und Co. wurden zu dieser Zeit noch nicht verwendet", erklärt Lübbe. Viele Frauen tragen deshalb zu weite Büstenhalter, die die Brust nicht richtig formen können und ständig zurechtgerückt werden müssen.

Dazu kommt, dass sich die Vorstellung hartnäckig hält, ein A-Cup sei für eine kleine Brust geeignet, B-Cups seien die Norm, C für eine volle Brust und alles über D sind dann Sondergrößen. Der Buchstabe allein sagt aber erstmal gar nichts über die Brustgröße aus.

So sitzt ein BH richtig - Geschulte Experten wissen Rat


Wichtig ist es, sich professionell beraten zu lassen. Das ist Aufgabe der Verkäufer, rät der Gynäkologe Dr. med. Heinrich Ponnath, den wir zu diesem Thema befragt haben. In einem Miederwarengeschäft können geschulte Experten Tipps geben. Bei einem gut sitzenden Büstenhalter sollen laut Lübbe etwa 80 Prozent des Brustgewichts vom Unterbrustband getragen werden, damit es nicht zu Schulterverspannungen kommt. Deshalb sollte das Unterbrustband angenehm fest sitzen. Wichtig ist, dass der Mittelteil des BHs, der Steg, auf dem Brustbein anliegt. So bekommt die Brust Halt und Form.

"Zu eng sollte er auch nicht sein", erklärt Claudia Langner-Wildner. Sie ist Inhaberin eines Fachgeschäftes für Dessous in Weiden. "Sitzt der Büstenhalter zu stramm, kann er den Lymphfluss beeinträchtigen.", erklärt Langner-Wildner. Das Lymphsystem spielt eine wichtige Rolle für das Immunsystem. Es transportiert Krankheitsereger zu den Lymphknoten und der Fremdkörper kann effizient bekämpft werden. Ist diese Funktion des Körpers durch zu enge BH eingeschränkt, besteht das Risiko schneller krank zu werden.

Dass schlecht sitzende Büstenhalter auch Beschwerden wie Verspannungen im Nacken- und Schulterbereich oder Rückenschmerzen verursachen können, bestätigt Dr. med. Thomas Stumptner, Facharzt für Orthopädie aus Pegnitz. Einige seiner Patientinnen haben ihn bereits auf einen möglichen Zusammenhang zwischen ihren Beschwerden und falsch sitzenden Büstenhaltern angesprochen.

Diskussion über den Nutzen von Büstenhaltern verstummt nicht


Bei der Frage, ob BH die Erdanziehungskraft ausbremsen, scheiden sich die Geister.
"Ja! Definitiv! Und das sogar bei den sehr großen Körbchengrößen", behauptet Lübbe. Ein französicher Sportmediziner sieht das anders. Professor Jean-Denis Rouillon lehrt und forscht am Universitätsklinikum im französischen Besançon. Bei einer Langzeitstudie will er herausgefunden haben, dass BH sogar kontraproduktiv sind. Sie schwächen das Brustgewebe. Er vermutet, dass viele Frauen eine Hängebrust bekommen, eben weil sie einen BH tragen.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch Göran Samsioe, Professor an der gynäkologischen Abteilung der Universität Lund. Vor allem bei jungen Mädchen sieht er das Risiko, dass die Brüste schneller absacken je früher sie einen Büstenhalter tragen. Strikt medizinisch, so sagt er, gibt es keinen Grund, einen BH anzulegen.

Dass Büstenhalter sogar schaden sollen, hält Claudia Langner-Wildner für falsch. Ganz im Gegenteil! "Das Bindegewebe reißt gerade dann, wenn die Brust nicht ausreichend gestützt wird. Die Brüste bestehen zum größten Teil aus Fettgewebe und das entkommt der Erdanziehungskraft nicht."

Für Nonsens hält auch Dr. med. Heinrich Ponnath, Gynäkologe in Eschenbach, die These, dass Büstenhalter das Brustgewebe erschlaffen lassen. Außerdem räumt der Arzt mit einem Mythos auf, der sich in den Köpfen der Menschen verankert zu haben scheint: "Schlecht sitzende Büstenhalter verursachen keinen Brustkrebs! Dieses Ammenmärchen wird nach wie vor erzählt, stimmt aber nicht", sagt der erfahrene Frauenarzt.

Professor Volker Barth vom Institut für Mammadiagnostik im Interdisziplinären Mamma-Zentrum Esslingen gibt Entwarnung für BH-Trägerinnen. Im Verlauf einer Studie hat er festgestellt, dass der Büstenhalter keinerlei Einfluss auf die Entstehung von Brustkrebs hat. Und trotzdem hat sich dieser Gedanke weiterhin im Kopf der Menschen verankert.

Genau 100 Jahre nach dem Etablieren des handelsüblichen Büstenhalters sind also noch einige Fragen rund um das Thema "BH" offen.