Zurückhaltung am falschen Platz?
Frauen zeigen Sexualdelikte nur selten an

Frauen protestieren in Hamburg gegen Sexismus und Gewalt. Diese Haltung ist laut Ergebnissen einer neuen Studie nicht die Regel: Frauen bagatellisieren demnach Sexualdelikte und zeigen sie nur selten an. Bild: dpa

Nur ein Bruchteil der Sexualdelikte wird von den Opfern angezeigt. Das hat das LKA Niedersachsen bei einer Dunkelfeldstudie festgestellt. Danach sehen viele Frauen Belästigungen bisher als Bagatelldelikt an, leiden aber unter den Folgen. Warum wenden sich nicht mehr an die Polizei?

Hannover. Die vielen Hundert Anzeigen von Frauen nach Übergriffen in der Silvesternacht in Köln und anderen Städten stehen im Gegensatz zum Umgang mit solchen Delikten im Alltag. Denn Frauen zeigen Belästigungen laut der am Montag vorgelegten Studie nur selten an, obwohl sie unter den Folgen häufig leiden.

Nur sechs Prozent


Nach der Untersuchung wurden 2014 nur 5,9 Prozent aller Sexualdelikte angezeigt, sagte LKA-Präsident Uwe Kolmey. "Das ist bemerkenswert und deutet auf eine Bagatellisierung bei den Opfern hin." Die Polizei sei somit nur mit einem kleinen Bruchteil der Sexualdelikte befasst. Übergriffe würden von Frauen oft schlichtweg ertragen und nicht als Unrecht gesehen, sagte Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD).

Nach der Befragung, an der sich über 20 000 Niedersachsen beteiligten, wurden 1,5 Prozent Opfer einer Sexualtat. Zumeist handelte es sich um 16 bis 34 Jahre alte Frauen. Die meisten fühlten sich bedrängt, Fälle von Missbrauch und Vergewaltigung hatten nur einen geringen Anteil. In der niedersächsischen Polizeistatistik für 2014 wurden 1484 Sexualdelikte erfasst - auf Basis der Studie gab es aber hochgerechnet 21 200 Taten.

Das Anzeigeverhalten hing nach der Studie von der Schwere der Vorfälle ab. Bei Missbrauch wurden 38,2 Prozent der Fälle angezeigt. Frauen die sich bedrängt fühlten, gingen nur in 5,6 Prozent der Fälle zur Polizei. Grund zur Anzeige war in allen Fällen der Wunsch nach einer Bestrafung des Täters. 70,5 Prozent der Opfer wollten außerdem eine Wiederholung verhindern. Immerhin 13,9 Prozent der Opfer bezeichneten die erlittene Sexualtat als emotional belastend, 2,9 Prozent klagten über gesundheitliche Folgen.

Der am meisten genannte Grund, auf eine Anzeige zu verzichten, war die Einschätzung, dass die Tat nicht so schwerwiegend war (51,1 Prozent). Oft regelte das Opfer die Angelegenheit auch selbst (42,8) oder wollte seine Ruhe haben (32,1). Andere Frauen nannten als Grund, sie hielten die Tat für ihre Privatsache (19,3), hätten Angst vor dem Täter (13,4) oder wüssten nicht, dass es sich um eine Straftat handelte (11,8). In einigen Fällen gaben die Opfer an, sie hätten schlechte Erfahrungen mit der Polizei gemacht (4,7 Prozent).

Wie Kriminologe Christian Pfeiffer sagt, hängt die niedrige Anzeigequote auch damit zusammen, dass vieles, was Frauen passiere, vom Gesetz nicht adäquat erfasst werde. Selbst bei angezeigten Vergewaltigungen kam es zuletzt 2014 nur in 7,7 Prozent der Fälle zu einer Verurteilung - vor gut 20 Jahren waren es 21,6 Prozent. Oft stehe Aussage gegen Aussage. Auch bei weniger schweren Taten ermuntere die Strafverfolgungspraxis nicht zum Erstatten einer Anzeige.
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