Zwei Bier- und Kultur-Partner

In diesem schönen Bahnhof kommt der "Zug zur Kultur" an, der die Oberpfalz und Pilsen im Kulturhauptstadtjahr 2015 miteinander verbindet. Bild: Herda

Regensburg wäre 2010 gerne Kulturhauptstadt Europas geworden - doch die deutsche Jury hatte sich für Essen und den Ruhrpott entschieden. Dafür behält fünf Jahre später die Partnerstadt der Oberpfälzer Boomtown die Oberhand. Begeistert feierte das junge Pilsen-2015-Team den Sieg im knappen Rennen gegen Ostrava, die mährische Kohle-Metropole.

Was haben die Pilsener besser gemacht als Regensburg 2010? "Ich glaube nicht, dass wir viel falsch gemacht haben", sagt Regensburgs Oberbürgermeister Joachim Wolbergs. "Aber Pilsen hat definitiv vieles richtig gemacht." Das noch frische Stadtoberhaupt hatte in seiner bisherigen Amtszeit offiziell nur die Einweihung der "Regensburger Allee" in Pilsen begleitet. Aber er ist motiviert, in die großen Fußstapfen von Altbürgermeister Walter Annuß, Gründervater der Städtepartnerschaft und früher Tschechisch-Dozent an der Uni, zu treten: "Wir wollen auf unserer Seite alles dafür tun, dass das Kulturhauptstadtjahr einer unserer spannendsten Partnerstädte ein nachhaltiger Erfolg wird."

"Befreiendes Gefühl"

25 Jahre nach dem Mauerfall sei es ein befreiendes Gefühl, dieses Jahr zusammen mit Pilsen gestalten zu dürfen. "Ich gehöre noch zu der Generation, die sich erinnern kann, wie das damals war mit Visum und Schikane an der Grenze - jetzt bringen wir ein Oberpfälzer Programm und viele Menschen mit dem ,Zug zur Kultur' nach Pilsen." Die Beziehung der beiden Partnerstädte hat immer wieder friedlich geruht. "Wie lebendig so eine Freundschaft gepflegt wird, hängt vom Engagement einzelner Akteure ab", begründet Regensburgs Kulturreferent Klemens Unger die Kunstpausen. Ist das Kulturhauptstadtjahr Anlass, um neue Impulse für die Partnerschaft zu setzen?

Wolbergs ist sicher, dass Pilsens "Open up" 2015 in dieser Hinsicht Katalysator für die Weiterentwicklung der Städtepartnerschaft sein kann. Besonders bei seinem Steckenpferd sieht der Rathauschefs Anknüpfungspunkte: "Im Bereich der Kreativwirtschaft sind uns tschechische Künstler meilenweit voraus. Da habe ich größtes Interesse an einer Zusammenarbeit." Generell seien die mittelosteuropäischen Staaten kulturell dem Westen oft überlegen: "Schon deswegen, weil vor der Wende Kultur einen anderen Stellenwert hatte - Film, Theater und Literatur lieferten Stoffe für die Sehnsüchte der Menschen und auch Freiräume für subtile Regimekritik."

Wo sind die Gemeinsamkeiten, wo die Unterschiede zwischen der Hauptstadt der Oberpfalz und der westböhmischen Metropole? Regensburg mit knapp 140 000 Einwohnern, UNESCO-Welterbestadt und Boomtown, Pilsen mit rund 170 000 Einwohnern, Europäische Kulturhauptstadt, Bier- und Skoda-Mekka. "Wir bewegen uns auf Augenhöhe", findet der OB. "Sicher gibt es strukturelle Unterschiede, etwa, weil es in Tschechien keine Gewerbesteuer gibt. Pilsen ist deshalb stärker abhängig vom innerstaatlichen Steuerausgleich." Aber die Gemeinsamkeiten überwögen: "Beides sind Industrie-, Kultur- und Bierstädte."

Während in Deutschland viele Bühnen ums Überleben kämpfen, hat sich Pilsen ein neues Theater geleistet - sind die Westböhmen musischer als die Oberpfälzer? "Auf keinen Fall", widerspricht Wolbergs. "In Regensburg haben wir unser Theater saniert und mit dem Kinder- und Jugendtheater im neuen Haus der Musik für immerhin fünf Millionen Euro eine neue Sparte etabliert." Dazu komme die Nutzung des Velodroms und der kleinen Bühne im Thon-Dittmer-Palais. "Natürlich hat eine Kulturhauptstadt immer einen gewaltigen Investitionsaufwand, aber wir sind da auch nicht schlecht unterwegs."

Sportlich freilich kann Regensburg von Pilsen noch einiges lernen: Viktoria spielte bereits gegen den FC Bayern in der Championsleague, der HC Plzen Eishockey in der Extra-Liga. "Im Profibereich sind die deutlich besser", gibt Wolbergs unumwunden zu. "Meine Idee ist nach wie vor, Mannschaften aller Partnerstädte zur Stadioneröffnung einzuladen", freut sich das Stadtoberhaupt trotz Jahn-Misere auf den bevorstehenden Umzug des Noch-Drittligisten in die Continental-Arena.

Und im Gespräch mit unserer Zeitung signalisierten sowohl Pilsens Oberbürgermeister Martin Zrzavecký als auch der stellvertretende Bezirkshauptmann Jirí Strucek, beides große Sportfans, ihre Unterstützung.

Die Organisation des bayerischen Programms für die Kulturhauptstadt haben Regensburg und das Centrum Bavaria Bohemia in Schönsee gemeinsam gestemmt. "Das war in unserem Projektbüro, angesiedelt beim Kulturreferat, in besten Händen", lobt der Oberbürgermeister das Team um Kulturreferent Klemens Unger und Hana Bejlková. "Ich bin mit den Programmbeiträgen (Seite 16) sehr zufrieden." Er selbst möchte bei der Eröffnung und beim Blumenfest im Frühling mit dabei sein - ein bayerisches Präsent für alle Pilsener. "Im April beteiligt sich unsere Sing- und Musikschule an einem gemeinsamen Musical." Wolbergs will aber nicht nur bei offiziellen Terminen vor Ort sein, sondern sich kleine, intime Veranstaltungen privat anschauen. "Wir planen einen Betriebsausflug nach Pilsen, bei so was kommen die besten Begegnungen zustande."

Bei jedem Besuch besser

Hat sich das Pilsen-Bild des Sozialdemokraten seit der Wende 1989 verändert? "Ich hatte vorher keine Vorstellung, weil wir, wenn wir in die CSSR fuhren, immer nach Prag reisten. Ich finde, Pilsen ist eine sehr schöne Stadt, die mir bei jedem Besuch besser gefällt." Als Partnerstadt sei sie ihm besonders wichtig, "weil sie so nah ist und ein Symbol für unsere jüngste Geschichte". Wolbergs hofft, dass sich das Jahr langfristig auf die Entwicklung der Stadt auswirken wird: "In Linz beobachten wir eine sehr nachhaltige Wirkung, und ich wünsche auch den Pilsenern, dass es ein großer, anhaltender Erfolg wird." Regensburgs Beitrag dazu: "Wir werden sicher Sonderbusse einrichten und ansonsten auf den ,Zug zur Kultur' setzen, um auch möglichst viele Regensburger zu bewegen."
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