Bundesjustizminister Maas hält Absprache für möglich
Erste Spur nach Kölner Übergriffen - Was wir wissen, was wir nicht wissen

 
In der Silvesternacht versammelten sich viele Menschen rund um den Dom im Bereich des Hauptbahnhofs in Köln.

Waren die Übergriffe von Köln und Hamburg eine abgesprochene Sache? Bundesjustizminister Maas hält das zumindest für möglich. Die Polizei muss sich gegen heftige Kritik wehren. Zu spät habe sie auf die Anzeigen reagiert. Und zu wenig sei bekannt über die Täter.

Köln. Nach den Übergriffen auf Dutzende Frauen in Köln und Hamburg hat die Polizei eine erste Spur. Drei mutmaßliche Täter wurden nach Angaben des nordrhein-westfälischen Innenministers Ralf Jäger (SPD) ermittelt, festgenommen wurde aber niemand. Die Männer könnten zu einer größeren Gruppe gehören, die in der Silvesternacht vor dem Kölner Hauptbahnhof Frauen belästigt, misshandelt und ausgeraubt haben soll.

Polizei prüft mögliche Absprache


Unterdessen prüft die Polizei eine mögliche Absprache vor den Übergriffen in Köln und ähnlichen Vorfällen in Hamburg. «Das Ganze scheint abgesprochen gewesen zu sein,» sagte Bundesjustizminister Heiko Maas am Mittwoch im ZDF-«Morgenmagazin». «Es wäre schön, wenn das keine Organisierte Kriminalität wäre, aber ich würde das gerne mal überprüfen, ob es im Hintergrund Leute gibt, die so etwas organisieren.» So etwas geschehe nicht aus dem Nichts, es müsse jemand dahinterstecken.

Nicht nur in Köln wurden etliche Anzeigen registriert, sexuelle Übergriffe gab es an Silvester auch in Hamburg. Auf der Reeperbahn wurden Frauen nach Polizeiangaben jeweils von mehreren Männern umringt und an der Brust oder im Intimbereich begrapscht.

Inzwischen mehr als 100 Anzeigen


Zwei Anzeigen wegen VergewaltigungNach den Übergriffen auf Dutzende Frauen in der Kölner Silvesternacht haben zwei Betroffene Anzeigen wegen Vergewaltigung erstattet. «Wir haben 90 Anzeigen, darunter sind 2 Anzeigen, in denen ein Tatbestand der Vergewaltigung angezeigt worden ist», sagte der Kölner Polizeipräsident Wolfgang Albers am Mittwoch dem Radiosender WDR 5. Vor dem Hauptbahnhof der Domstadt waren in der Nacht zum vergangenen Donnerstag zahlreiche Frauen belästigt worden. Nach Angaben der Polizei waren sie von Männergruppen umzingelt, bedrängt und ausgeraubt worden. Bislang war ein Fall bekannt, in dem wegen des Verdachts der Vergewaltigung ermittelt wurde. Festgenommen wurde noch niemand.
Inzwischen gingen nach Polizeiangaben in Köln mehr als 100 Anzeigen von mutmaßlichen Opfern ein, davon haben drei Viertel einen sexuellen Hintergrund. «Viele Frauen geben in den Gesprächen an, dass sie auch angefasst wurden», sagte eine Polizeisprecherin. Zwei Drittel der Opfer seien zum Feiern in die Domstadt gereist, hieß es.

Augenzeugen und Opfer hatten nach den Übergriffen ausgesagt, die Täter seien dem Aussehen nach größtenteils nordafrikanischer oder arabischer Herkunft. Die Polizei spricht von einer sehr schwierigen Beweisführung. Das liege vor allem an der «Gemengelage» in der Silvesternacht.

Kölner Polizei weist Kritik zurück


Vor allem Polizei und Stadtspitze standen auch am Mittwoch in der Kritik. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) bemängelte in den ARD-«Tagesthemen» den Einsatz der Kölner Beamten: «Da wird der Platz geräumt - und später finden diese Ereignisse statt, und man wartet auf Anzeigen. So kann die Polizei nicht arbeiten.»

Die Kölner Polizeiführung räumte zwar ein, am Neujahrsmorgen falsch über die Ereignisse der Nacht berichtet zu haben. In einer Erklärung hatte sie die Lage zunächst als recht entspannt beschrieben und sich selbst gelobt. Kritik am Einsatz wies sie allerdings zurück. «Wir waren nicht überfordert», sagte Polizeipräsident Wolfgang Albers. Das ganze Ausmaß der Vorfälle sei erst später klar geworden. Einen Rücktritt schließt Albers aus. Auf die Frage, ob er im Amt bleibe, sagte er am Mittwoch in einem Interview auf WDR 5: «Aber natürlich. Gerade jetzt bin ich, glaube ich, hier gefragt.»

Spott gegen Verhaltensempfehlung


Auch Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) muss sich gegen Vorwürfe wehren. Sie zog mit einer Verhaltensempfehlung an Frauen Spott im Internet auf sich. «Es ist immer eine Möglichkeit, eine gewisse Distanz zu halten, die weiter als eine Armlänge betrifft», hatte sie vor Journalisten auf die Frage geantwortet, wie man sich als Frau besser schützen könne. Unter dem Hashtag #einearmlaenge häuften sich daraufhin spöttische Kommentare. Justizminister Maas schrieb auf Twitter: «Nicht Frauen tragen Verantwortung, sondern Täter.»

Reker verteidigt sich gegen Kritik an Verhaltenstipps für Frauen Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) hat sich gegen die Kritik an ihren Verhaltenstipps für Frauen nach den Übergriffen von Köln verteidigt. «Durch die verkürzte Darstellung in einzelnen Medien ist teilweise der Eindruck entstanden, meine Präventionsinitiativen würden sich ausschließlich auf Verhaltenstipps für Frauen und Mädchen beschränken», erklärte sie am Mittwoch. Davon könne gar keine Rede sein. Vielmehr habe sie auf eine gezielte Nachfrage hin versucht, auf bereits vorhandene Präventions- und Beratungsangebote in Köln hinzuweisen.

«Nur ein Beispiel ist das Aktionsprogramm "Partysicherheit für junge Frauen"», teilte Reker mit. Vorrang habe natürlich, die Sicherheit auf Kölns Straßen und Plätzen herzustellen. Reker hatte bei einer Pressekonferenz auf die Frage, wie sich Frauen schützen können, unter anderem gesagt, es gebe «immer eine Möglichkeit, eine gewisse Distanz zu halten, die weiter als eine Armlänge betrifft».

Viele offene Fragen gibt es auch Tage nach den Übergriffen in Köln


Was wir wissen:


  • Am Silvesterabend versammelten sich nach Polizeiangaben etwa 1000 Männer auf dem Bahnhofsvorplatz. Viele waren betrunken und völlig enthemmt. Feuerwerkskörper wurden in die Menge gefeuert, die Stimmung war aggressiv. Die Polizei räumte den Platz vorübergehend.

  • Es bildeten sich kleinere Gruppen von Männern, die Frauen umzingelten, sexuell belästigten und ausraubten. Nach Aussagen von Zeugen, Opfern und Polizeibeamten sollen die Männer «dem Aussehen nach aus dem arabischen oder nordafrikanischen Raum» stammen und zwischen 15 und 35 Jahren alt gewesen sein.

  • Bis Mittwoch gingen bei der Polizei mehr als 100 Anzeigen ein. Davon haben drei Viertel einen sexuellen Hintergrund, wie eine Polizeisprecherin sagte. Nach den Vernehmungen der Opfer habe sich ein klareres Bild der Taten ergeben. Viele Frauen gaben in den Gesprächen - zum Teil auf Nachfrage der Beamten - an, dass sie auch angefasst worden seien. In zwei Fällen geht es Polizeipräsident Wolfgang Albers zufolge um den Vorwurf der Vergewaltigung.

  • Es gibt bisher keine Festnahmen im Zusammenhang mit den Silvester-Vorfällen. Die fünf Männer, die am 3. Januar im Kölner Hauptbahnhof verhaftet worden waren, haben nach bisherigen Ermittlungen nichts mit den Übergriffen zu tun. Hier geht es laut Polizei um reine Taschendiebstähle, die erst am Tag der Festnahme passiert seien.

  • Es gibt bisher keine Hinweise darauf, dass es sich bei den Tätern um Flüchtlinge handeln könnte. Das betonte Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) in der Pressekonferenz am Dienstag.


Was wir nicht wissen:

  • Wer die Täter sind. NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) zufolge haben die Ermittler drei Verdächtige ermittelt. Die Beweisführung gestalte sich der Polizeisprecherin zufolge als sehr schwierig, was vor allem an der Gemengelage liege. Es war dunkel, die Täter konnten in der Menschenmasse untertauchen. Es werde nach den Worten der Sprecherin «verdammt schwierig», Täter dingfest zu machen.

  • Ob es sich um eine organisierte Bande handelt oder sich die Täter vorab verabredet haben - dazu hat die Polizei noch keine Erkenntnisse. «Es scheint allerdings seltsam, dass das alles zufällig passiert ist», sagte die Sprecherin.

  • Ebenfalls unklar ist, ob die Übergriffe einer neuen Masche des Trickdiebstahls folgten, ähnlich der «Antänzer»-Methode. Albers zufolge haben die Silvestervorfälle ein neues Ausmaß. Frühere Opfer der «Antänzer» seien in der Regel Männer gewesen, das habe sich nicht im sexuellen Bereich abgespielt.

  • Ob es Zusammenhänge zu den Taten in Hamburg und weiteren Städten gibt, ist auch offen. Die Polizeisprecherin sagte lediglich, das sei Gegenstand der laufenden Ermittlungen.

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