Ein Leben für die Wallfahrtskirche
Die Glöckner vom Johannisberg

Mesner Josef Koch (links) und Franz Scharl im Turm der Johannisbergkirche beim Glockenläuten. Bilder: Hartl (4)
 
Die Wallfahrtskirche auf dem 605 Meter hohen Johannisberg. Rund 200 Gläubige finden darin Platz. Das Gotteshaus ist eines der wenigen im Bistum Regensburg dieser Größenordnung, das noch ohne Strom- und Wasseranschluss auskommen muss. Die Zufahrt ist nur mit Sondergenehmigung möglich.

Die Glocken der Johannisbergkirche haben sie ein Leben lang begleitet. Schon als Ministranten zerrten Josef Koch und Franz Scharl an den Stricken im Turm. Als Rentner läuten die beiden immer noch zur Messe - am Sonntag zum letzten Mal in diesem Jahr.

Beim Zusammenläuten ist nicht nur Muskelschmalz gefordert, sondern auch Fingerspitzengefühl. "Ich läute halt solange ich mag. Wenn ich meine, dass es reicht, dann höre ich auf", sagt Franz Scharl. Der 77-jährige Freudenberger gehört zur Wallfahrtskirche auf dem 605 Meter hohen Johannisberg wie der steinerne Kreuzweg. Bisher war das Glockengeläut weder zu lang, noch zu kurz. "Hier schaut keiner so genau auf die Uhr."

Wenn die Pfarrgemeinde Wutschdorf auf dem Johannisberg Gottesdienst feiert, geht es gemütlich zu. Das liegt vielleicht auch daran, dass die Zufahrt mit Autos verboten ist und sämtliche Gläubige die rund 150 Höhenmeter zu Fuß zurücklegen müssen. Vielleicht aber auch an der fehlenden Strom- und Wasserversorgung. "Hier oben fühlt man sich zurückversetzt in eine längst vergangene Zeit", erklärt Mesner Josef Koch (68). "Schön, dass es sowas noch gibt."

Luft für die Orgel

Zwischen Pfingsten und Mitte September zelebriert der Wutschdorfer Pfarrer Norbert Götz die Hauptgottesdienste am Sonntag abwechselnd in der Pfarrkirche im Tal und in dem Gotteshaus auf dem Berg. Letztmals in diesem Jahr am Sonntag, 13. September, um 10 Uhr. Danach machen Scharl und Koch die Johannisbergkirche winterfest. Vor das Portal kommt ein Bretterverschlag, "damit der Schnee nicht hineinweht", wie der Mesner erzählt. Und auch die Luken im Turm schließen die beiden fachmännisch, um das Innere vor Nässe und Kälte zu schützen. An diesem Sonntag legen sich die zwei noch einmal ins Zeug. Franz Scharl wird nicht nur vor Gottesdienstbeginn am Glockenstrang ziehen, sondern während der Messe auch dafür sorgen, dass der 1908 eingebauten Orgel die Luft nicht ausgeht. Das Instrument aus dem Hause Steinmeyer im schwäbischen Oettingen muss noch per mechanischem Blasebalg mit Luft versorgt werden. Mit Musik hat der Rentner zwar wenig am Hut, wenn es aber um die liturgischen Klänge geht, ist er Experte.

Signal per Handzeichen

"Die Organistin gibt mir Handzeichen, wenn es so weit ist", sagt er. Sieht er Regina Fibich-Wiesnet an der Tastatur winken, pumpt er los. So lange, bis der Luftanzeiger an der Seite des Pfeifeninstruments eine bestimmte Markierung erreicht hat. "Da muss ich natürlich aufpassen, dass ich den Einsatz nicht verpasse. Sonst geht der Orgel die Luft aus und das wäre wirklich nicht schön anzuhören." Im Team sorgen der Mann am Blasebalg und die Frau an den Registerzügen für erhebende Klänge in der Wallfahrtskirche, die noch immer ohne Strom auskommt.

Besonders heimelige Atmosphäre kehrt in dem Gotteshaus ein, wenn Wolken die Sonne verfinstern oder gar ein Gewitter aufzieht. Dann sind es nur noch die Kerzen, die das Innere erhellen. Heuer beim Johannisbergfest war das auch so. Der Patroziniumstag, der 24. Juni, war kalt und wolkenverhangen. Gut, dass wenigstens Weihbischof Reinhard Pappenberger für Erheiterung sorgte. Der Festprediger hatte dem Mesner gestanden, er würde gerne einmal wieder eine Glocke per Hand läuten. "Das können Sie gerne machen", sagten Josef Koch und Franz Scharl und nahmen Seine Exzellenz mit auf den Turm. "Wir haben ihm dann gleich den Strick für die schwerste Glocke in die Hand gedrückt", erzählt der Mesner und lächelt verschmitzt. "Da hat er geschwitzt", ergänzt Scharl. "Aber scheinbar hat es ihm trotzdem recht gut gefallen."

Stille Momente an Silvester

Wenn der Mesner am Sonntag nach der Messe die Türen zusperrt, dann ist die Saison auf dem Johannisberg für die Gläubigen zu Ende. Für die beiden Glöckner nicht. "Wir schauen regelmäßig nach dem Rechten", erklärt Koch. "Ich stell dann wieder die Mausefallen auf. Sieben Stück. Damit die Viecher nicht wieder über die Altardecke kommen."

Nur einmal ist die Johannisbergkirche im Winter geöffnet. An Silvester um Mitternacht. Wenn unten im Tal die Raketen zünden, brennen in der Stille der Bergkirche die Kerzen. Und im Turm wird jemand stehen und am Glockenstrang ziehen.
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