Goldener Bär für "Fuocoammare"
Dein Preis, Lampedusa!

Gianfranco Rosi küsst den Goldenen Bären und widmet ihn sogleich den Bewohnern der Insel Lampedusa, auf der er seine bewegende Dokumentation "Fuocoammare"gedreht hat - den laut Jury besten Film der Berlinale. Bilder: dpa


Porträt: Gianfranco RosiDer Italiener Gianfranco Rosi (51) ist Regisseur, Produzent, Kameramann und Drehbuchautor. Mit dem Goldenen Bären für die Dokumentation "Fuocoammare" hat er nach dem Goldenen Löwen von Venedig 2013 ("Sacro Gra - Das andere Rom") innerhalb weniger Jahre wieder einen der wichtigsten Filmpreise der Welt erhalten.

Rosi bezeichnet "Fuocoammare" (übersetzt: Feuer auf See) als seine bisher schwerste Arbeit. In Berlin erzählte er: "Ich musste entscheiden, ob ich den Tod zeige. Der Tod kam ja zu mir. Ich wollte bei der Rettung einiger Flüchtlinge dabei sein. Aber nicht alle haben die Flucht übers Meer überlebt."

Rosi zeigt in seiner Doku den Alltag auf der italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa, nur 70 Kilometer von der nordafrikanischen Küste entfernt. Hier stranden seit mehr als zwei Jahrzehnten nahezu ununterbrochen Flüchtlinge. Der schonungslose Film zeigt sowohl den fast idyllischen Alltag der Inselbewohner wie auch das Elend der Hilfesuchenden. Und er blickt selbst dann nicht weg, wenn Menschen die Strapazen nicht verkraften und sterben.

Ursprünglich kam Rosi nach Lampedusa, um einen Kurzfilm zu drehen. Doch als er das ganze Ausmaß des Elends sah, entschied er sich für eine abendfüllende Dokumentation. Angesichts der aktuellen Flüchtlingskrise, die weit über Lampedusa hinaus geht, möchte er mit seinem Film möglichst viele Menschen erreichen und aufrütteln.

Auf der Berlinale sagte er dazu: "Wir tragen alle die Verantwortung dafür. Ich denke, was derzeit passiert, ist nach dem Holocaust eine der größten Tragödien der Menschheit." Den Film sieht er nicht als Anklage, stellte Rosi klar. "Mein Film hat ein politisches Thema, aber er gibt keine Antworten."

Geboren wurde Rosi 1964 in Eritrea. Während des dortigen Unabhängigkeitskrieges wurde er als 13-Jähriger mit einem Militärflugzeug nach Italien in Sicherheit gebracht. Seine Eltern blieben zurück. Schule und Studium absolvierte er in verschiedenen Ländern, darunter auch in den USA. International bekannt wurde er 2010 mit "El Sicario, Room 164", einer Dokumentation über einen professionellen Auftragskiller. (dpa)

An dem Thema kommt auch die Berlinale nicht vorbei: Bester Film wird eine italienische Dokumentation über Flüchtlinge im Mittelmeer. Die Auszeichnung soll aufrütteln.

Berlin. (dpa) Mit dem Flüchtlings-Drama "Fuocoammare" hat bei der Berlinale erstmals seit Jahrzehnten ein Dokumentarfilm den Goldenen Bären gewonnen. Der italienische Regisseur Gianfranco Rosi (51) widmete den Preis am Samstag bei einer berührenden Gala in Berlin den Menschen auf der Mittelmeerinsel Lampedusa, wo alljährlich Hunderttausende Flüchtlinge Schutz suchen. Jury-Präsidentin Meryl Streep nannte den Film "das Herz der Berlinale". Der einzige deutsche Beitrag im Wettbewerb, das Abtreibungsdrama "24 Wochen", ging leer aus.

Rosi, vor drei Jahren ebenfalls für eine Dokumentation mit dem Goldenen Löwen von Venedig geehrt, erzählt in "Fuocoammare" ("Feuer auf See") in teils schonungslosen Bildern vom Flüchtlingselend im Mittelmeer. "In diesem Augenblick gehen meine Gedanken an all jene Menschen, die es nicht geschafft haben, auf Lampedusa anzukommen - der Insel der Hoffnung", sagte Rosi vor rund 1600 Gästen im Berlinale-Palast.

Politisches Festival


Der italienische Kulturminister Dario Franceschini äußerte sich stolz über die Auszeichnung. "Dieser Film rüttelt die Welt auf und erinnert uns an die Notwendigkeit, dem Flüchtlingsdrama gemeinsam und menschlich zu begegnen", erklärte er. Zuletzt hatte Italien 2012 einen Goldenen Bären erhalten. Die Berliner Festspiele zeigten bei ihrer 66. Ausgabe bewusst viele Filme, die sich mit aktuellen politischen Themen auseinandersetzen. Bis zum Freitag wurden bei dem Festival 25 000 Euro für Flüchtlinge gesammelt. Im Vorjahr hatte der verfolgte iranische Filmemacher Jafar Panahi mit seiner Tragikomödie "Taxi" den Goldenen Bären gewonnen.

Insgesamt waren bei dem ungewöhnlich gehaltvollen Festival in elf Tagen mehr als 400 Filme zu sehen, 18 liefen im internationalen Wettbewerb. Ein Großaufgebot an Stars, allen voran US-Beau George Clooney, sorgte für Aufsehen. Schon vor Tagen waren über 300 000 Karten verkauft. Jury-Präsidentin Streep bekam mehrfach begeisterten Applaus, Küsse und Liebeserklärungen. "Wir sind beschwingt und energiegeladen angesichts all der tollen Filme, die wir gesehen haben", sagte sie. Am Sonntag ging die Berlinale mit einem Publikumstag zu Ende.
Wir wurden geradezu überwältigt von der besonderen Kraft eines Films, der Kunst und politische Einsichten miteinander verbindet. Und das ist das Herz der Berlinale.Oscar-Preisträgerin und Jury-Präsidentin Meryl Streep zu "Fuocoammare"
Ich widme den Film allen Menschen auf Lampedusa, die ihre Herzen all denen geöffnet haben, die zu ihnen gekommen sind.Gianfranco Rosi, Regisseur von "Fuocoammare"
Die Filme haben die Menschen berührt und zum Nachdenken gebracht.Festivaldirektor Dieter Kosslick
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