Immer mehr Menschen sind auf der Suche nach dem großen Gewinn
Glitzernde Welt mit Suchtgefahr

Im "Kings Casino" stehen über 100 Spielautomaten. Glaubt man Sozialpädagogin Gertrud Gerhards, haben diese ein sehr hohes Suchtpotenzial.
 
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Leon Tsoukernik gilt als extrovertiert. Neben dem Kasino, das er betreibt, soll er einen Heliport haben.

Gewinne von bis zu 100 000 Euro locken Oberpfälzer in die tschechische Grenzregion ins Kasino. Eine Suchtexpertin erzählt von einem Mann, der sein Auto verkaufte, um weiterzuzocken. Nicht selten geht es am Spieltisch um Existenzen.

Roßhaupt/Weiden. Jeder, der sich mit Pokern beschäftigt, wird früher oder später über die Geschichte von Chris Moneymaker stolpern. Vor rund zwölf Jahren setzte er 39 Dollar für ein Pokerspiel im Internet ein und qualifizierte sich für das Hauptturnier der World Series of Poker in Las Vegas. Der Buchhalter war bald darauf um 2,5 Millionen Dollar reicher. Kurios: Moneymaker ist noch nicht mal ein Künstlername. Es ist eine Vita, die sehr nach Hollywood klingt.

100 000 Euro als Gewinn


Gerade, wenn einem eine solche Geschichte zu Ohren kommt, wundert es nicht, dass es dem Mann aus Tennessee zahlreiche Glücksritter gleich tun wollen. Viele Kasinos boomen. Das „Kings Casino“ in Rozvadov (Roßhaupt), das es seit zwölf Jahren gibt, verzeichnet monatlich Tausende Besucher. Es lockt bei Turnieren mit Hauptgewinnen von bis zu 100 000 Euro. Manchmal sogar mehr. Allerdings kostet es auch mal gut und gerne 1100 Euro, um sich bei so einem Event einzukaufen. Männer und Frauen aus der ganzen Welt reisen in den kleinen tschechischen Ort. Bei
großen Ereignissen übernachten Zocker schon mal im rund 50 Kilometer entfernten Marienbad oder im Landkreis Neustadt/WN.

Umgekehrt funktioniert die Reiseroute genauso. Oberpfälzer scheuen den Weg über die Grenze ins Kasino nicht. Die Betreiber des „Kings Casino“ bieten einen Shuttlebus-Service an. Auch Waidhaus, Weiden und Amberg werden angefahren. Viele kommen zum Pokern oder Black Jack. Die Turniere können locker über mehrere Stunden gehen. Nicht wenige tragen Jogginghose und Kapuzenpulli. Eine Kleiderordnung gibt es nicht.

Hunderte Euros futsch


Nicht nur beim Kartenspielen versuchen die Gäste ihr Glück. Einige setzen auf Roulette. Im Kings sitzt ein Pärchen mit ein paar Stapeln Jetons am Tisch. Beide sind geschätzt Mitte 40. Er ist die meiste Zeit stumm und dosiert seine Einsätze. Neben ihm steht ein schales Weißbier. Sie wirkt
euphorisch und riskiert jede Runde mehrere Chips. Es dauert keine 20 Minuten, bis sie keine mehr hat. Sie nimmt 200 Euro aus ihrem Portemonnaie und gibt das Geld dem Croupier für neue Jetons. Auch die halten nicht lange her. Nach rund einer Dreiviertelstunde sind mehrere Hundert Euro futsch. Während sich diese kleine finanzielle Tragödie ereignet, kommt vier Mal ein älterer Mann im Anzug, vielleicht 65, 70 Jahre alt, an den Tisch. Er wirft immer zwei schwarze Jetons auf das grüne Tuch und murmelt ein paar Zahlen. Weitere 800 Euro gehen an das Kasino.

Sozialpädagogin Gertrud Gerhards, die bei der Caritas-Fachambulanz in Weiden arbeitet, skizziert einen süchtigen Zocker ähnlich wie einen Alkoholiker oder Drogenabhängigen. Anfangs werde immer mehr die eigene Toleranz hochgeschraubt. Konkret: Mehr Geld kommt zum Einsatz oder die Häufigkeit steigert sich. Irgendwann denken Spieler immer öfter auch im Alltag ans Zocken und daran, wie Geld beschafft werden kann. Teilweise werden Spieler aggressiv oder depressiv, wenn sie nicht am Automaten oder am Tisch sitzen. Spielsüchtige bleiben im Gegensatz zum Alkoholiker etwa länger unerkannt. Das hat einen einfachen Grund: Eine Fahne riecht der Gegenüber.

Es geht sogar um Häuser


Gerhards berät jährlich rund 60 Klienten, die unter anderem aus Weiden, dem Landkreis Neustadt/WN und Amberg stammen. Häufig gehen laut der Sozialpädagogin Beziehungen
zugrunde, Häuser müssen verkauft werden. Kurzum: „Es hängen Existenzen daran.“ Gerhards kennt Süchtige, die ihren gesamten Lohn an einen Tag verzocken. Sie erzählt von einem Mann, der vor einem tschechischen Kasino sein Auto verkauft habe, um weiterzuspielen. Die Ehefrau musste den Spieler schließlich abholen.

Was in denen vorgeht, die an einem Abend viel Geld verzocken, lässt sich nur vermuten. Prinzipiell versucht das Kasino, dass sich die Gäste so wohl als möglich fühlen. Es ist 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche geöffnet. Rauchen ist erlaubt. Es riecht wie in deutschen Kneipen Anfang der 2000er Jahre. Das W-Lan ist kostenlos. Am Büfett gibt es umsonst Essen, und auch für antialkoholische Getränke müssen die Gäste nicht bezahlen. Die Damen, die Getränke servieren, tragen schwarze Kleider. Sie zeigen sehr viel Bein. Kein Wunder: Der Großteil der Besucher sind Männer. Es passiert schnell, dass man die Zeit vergisst. Das scheint auch gewollt zu sein. Nirgends im Kasino hängt eine funktionierende Uhr. Gerhards sagt, dass es gut wäre, wenn Gewinne grundsätzlich reduziert würden. Denn dann sei es nicht mehr so attraktiv, zu spielen. Gewinne in Tschechien sind deutlich größer, die Verluste auch. Es gebe derzeit keine Grenzen.

Es lag rund eine Millionen Euro auf dem Tisch. Das ist schon beängstigend.


Daniel Kang ist einer, den die Kasino-Welt fasziniert. Er spricht vor allem die faszinierende Seite an. Vor fünf Jahren kam er als Poker-Spieler ins „Kings“. Ein halbes Jahr später fing er dort als zum Arbeiten an. Während er durch das Kasino führt, erklärt der Halbkoreaner, dass er verstärkt auf Marketing und Werbung setzen möchte. Der 35-Jährige trägt schwarzes Sakko, graues T-Shirt und Chucks. Er spricht mit einer tiefen Stimme. Sie will so gar nicht zum asiatischen Aussehen von Kang passen. Kang rückt immer wieder den Eigentümer Leon Tsoukernik in den Mittelpunkt, den er als extrovertierte Type skizziert. Nahe des Kasinos soll er einen Heliport haben. Außerdem soll er eine Halle in der mittlerweile Dutzende Pokertische stehen „aus dem Boden gestampft“ haben. Kang sagt, dass er verblüfft gewesen sei, als er eine Tages das Kasino betrat und den Anbau erblickte: „Eine echte Überraschung.“ Heute würden theoretisch 1000 Poker-Spieler im „Kings Platz“ finden.

„Einsätze explodieren“

Laut Kang trifft sich im kleinen Rozvadov die Poker-Elite. Turniere werden fürs Fernsehen aufgezeichnet und ausgestrahlt. Die technische Ausrüstung dafür hat das Kasino. Auf einen Tisch sind mehrere Kameras gerichtet. Jeder hat bestimmt schon mal in eine Übertragung reingezappt. Gut möglich, dass es sich um ein Pokerspiel im „Kings“ handelte. Zum Einsatz kommen oft schwindelerregende Summen. Es sei nicht unüblich, dass Chips „im Wert von kleinen Eigentumswohnungen“ eingesetzt werden, sagt Kang. Außerdem verrät er: „Wenn die Kameras aus sind, explodieren die Einsätze.“ Der 35-Jährige erzählt auch vom höchsten Pot, den er gesehen hat: „Es lag rund eine Million Euro auf dem Tisch. Das ist schon beängstigend.“ Kang betont aber immer wieder, dass der Spaß im Vordergrund steht. „Jedem ist es selbst überlassen, um wie
viel Geld er spielt.“

Die Motivation ins Kasino zu gehen ist laut Gerhards anfangs das Geld: „Das spielt immer eine Rolle.“ Der zweite Gedanke sei oft: „Das Verlorene hole ich mir zurück.“ Allerdings spricht sie beim Pokern von einem Grenzfall. Dort hätten Spieler noch mehr das Gefühl, ihr Können spiele eine große Rolle. Trotzdem bleibe auch da eine hohe Suchtgefahr. Viele nutzen die Gelegenheit, um für einen Abend in eine so der bodenständigen Oberpfalz konträre Welt einzutauchen. Sie genießen die Atmosphäre und das Essen. Entweder verspielen sie ein paar Euro oder gewinnen eine kleine Summe. Problematisch wird es für jene, die schleichend in die Sucht schlittern. Viele begreifen erst, wenn es zu spät ist: Der Moneymaker ist in den meisten Fällen am Ende immer
das Kasino.

Die meisen Süchtigen sitzen am AutomatenDas größte Suchtpotenzial haben weder der Roulette-Tisch, noch das Kartenspielen, sondern Automaten. Im „Kings“ stehen mehr als 100 davon. Sozialpädagogin Gertrud Gerhards, die bei der Caritas-Fachambulanz in Weiden arbeitet und Spielsüchtige berät, erklärt: „Wir sagen immer wieder, 70 Prozent der Spielsüchtigen sind an Automaten – das ist noch gut gerechnet.“ Viele würden sich zu den Automaten flüchten. „Sie wollen Stress und schwierige Gefühle ausblenden.“ Betroffen seien zwar vor allem Männer, das würde sich jedoch momentan verschieben. Die Gefahr liege darin, dass alle Sinne angesprochen werden. Die Symbole und das Blinken bieten etwas fürs Auge, das Drücken bedient den Tastsinn und täuscht Einfluss vor. Auch Töne spielen eine Rolle. Tatsächlich ist es so, dass bei einem Gewinn der einarmige Bandit bimmelt. Das ist selbst so, wenn der Automat einem für eine Runde 25 Cent abzieht und eine erfolgreiche Kombination einen 20-Cent-Gewinn nach sich zieht. Zusammengerechnet ergibt das einen Verlust von 5 Cent und Glücksgefühle beim Spieler. Schließlich klingelt’s ja.
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