Nitrat im Wasser bereitet Sorge

Die Experten des Wasserwirtschaftsamtes Weiden beim Gespräch mit unserer Zeitung: Leiter Mathias Rosenmüller, Biologe Dr. Stephan Behl und Helmut Jahn (von rechts). Bild: Fütterer

Die langanhaltende Trockenheit hat die Situation sicherlich nicht entspannt: Nach Unterfranken weist die Trinkwasserversorgung in der Oberpfalz die höchste Nitratbelastung in Bayern auf. Das Problem betrifft 48 der 124 Wasserversorgungs-Unternehmen in der mittleren und nördlichen Oberpfalz. Die Beeinträchtigung des Grundwassers durch Nitrat geht "tendenziell eindeutig nach oben".

Weiden/Amberg. "Wir sorgen uns weniger um die Wasserschutzgebiete, sondern um den flächendeckenden Schutz des Grundwassers. Hier besteht Handlungsbedarf", sagt Mathias Rosenmüller, Leiter des Wasserwirtschaftsamtes (WWA) Weiden. Seit der Behördenreform umfasst dessen Zuständigkeit die Landkreise Amberg-Sulzbach, Schwandorf, Neustadt/WN und Tirschenreuth sowie die kreisfreien Städte Amberg und Weiden. In dieser Region steht derzeit ein Drittel der sogenannten "Grundwasser-Körper" unter "Beobachtung". Es gebe zwar "repräsentative Messstellen", aber zu wenige.

Die Wasserwirtschaft führt die Beeinträchtigungen durch Nitrat im Wesentlichen auf Kunstdünger und Gülle aus der Landwirtschaft zurück; auch Pflanzenschutzmittel spielten eine Rolle. "Die Probleme fingen mit der Umstellung von kleinräumiger auf intensive Landwirtschaft in den 70er und 80er Jahren an. Vorher war Nitrat im Grundwasser kaum existent", betont der Chef des Wasserwirtschaftsamts. Zum Glück seien die Grundwasser-Kapazitäten so mächtig, dass die Belastungen erst nach Jahrzehnten spürbar werden. "Diesen Prozess umzukehren, dauert aber auch Jahrzehnte. Wir sind schon froh, wenn die Tendenz zum Stillstand kommt", meint Rosenmüller.

In Amberg-Sulzbach prekär

Für den Verbraucher geben die Nitrat-Grenzwert-Überschreitungen von 50 Milligramm je Liter beim Rohwasser für die Trinkwasserversorgung nach Aussage nach Aussage Rosenmüllers und seiner Mitarbeiter Dr. Stephan Behl (Fachbereichsleiter technische Gewässeraufsicht) und Helmut Jahn beim Rohwasser für das Trinkwasser "keinen Anlass zur Sorge": Indem einfach belastetes Wasser mit Nitrat-armen Wasser gemischt wird, Tiefbrunnen schließen müssen und woanders dafür neue gebohrt werden. Dennoch berührt das Problem inzwischen 38 Prozent der 124 Wasser-Versorger im Verbreitungsgebiet unserer Zeitung.

Prekär ist die Situation im Kreis Amberg-Sulzbach, wo die geologischen Deckschichten weniger Schutz bieten und das Wasser relativ rasch - und damit weniger gereinigt - in die Felsspalten abfließt. Dort trifft das Nitrat-Problem 13 von 28 kommunalen Versorgern. In Tirschenreuth sind es 8 von 28, in Neustadt/WN 14 von 33, in Schwandorf 10 von 32, in Amberg 1 von 1 und in Weiden 2 von 2.

"Strukturelle Verbesserung"

"Die Vorsorge und das frühzeitige Gegensteuern sind hier ausschlaggebend", unterstreicht Rosenmüller. Detaillierte Zahlen liegen für den Raum Weiden-Neustadt/WN vor: Hier erfolgte zwischen 1985 und 2013 die Schließung von 96 Wasserversorgungsanlagen, davon 38 wegen "eindeutiger Nitrat-Grenzwert-Überschreitungen". Die Mehrzahl der Brunnen wurde in kleineren Ortschaften und Weilern aufgelassen, weil es zu kommunalen Zusammenschlüssen und Verbünden kam. Rosenmüller: "Die Zeit des Kirchturmdenkens bei der Wasserversorgung ist vorbei. Die Mischung und Zuleitung des Trinkwassers aus verschiedenen Quellen ist die optimale Lösung." Er hofft langfristig auf eine "strukturelle Verbesserung".

Durchaus Anerkennung zollen die Wasserwirtschaftler der Landwirtschaft, die meist pragmatisch kooperiere, weil sie in Wasserschutzgebieten auf Kunstdünger und Gülle verzichtet, statt Acker- dann Grünland-Bewirtschaftung vornimmt. Das Wasserwirtschaftsamt setzt auf das Gespräch, die Beratung und die wissenschaftliche Begleitung. Einbußen bei geringerer Düngung werden den Landwirten mit Ausgleichszahlungen von 100 bis 200 Euro pro Hektar im Jahr ansatzweise ersetzt.

Der Bezirkspräsident des Bayerischen Bauernverbands (BBV), Franz Kustner, warnt vor einer "Verallgemeinerung": "Es gibt zwar hier und da Ausreißer durch die landwirtschaftliche Düngung, das Nitrat-Problem tritt aber auch in Städten auf, ohne Landwirtschaft. Die Bauern tragen nicht die alleinige Schuld." Kustner kritisiert, dass "einseitig, nur im kritischen Bereich" gemessen werde. Die fortschreitende Technik ermögliche gerade bei der Düngung eine viel präzisere Dosierung. Nichtsdestoweniger nehme die Landwirtschaft das Nitrat-Thema ernst: "Wir wollen mitarbeiten, die Werte weiter zu senken," verspricht Franz Kustner.

Dreingabe aus der Luft

Auch der BBV-Geschäftsführer von Weiden-Neustadt/WN, Hans Winter, begrüßt die fruchtbare Zusammenarbeit von Wasserschützern und Landwirten. Er warnt davor, pauschal auf die Landwirtschaft "dreinzuschlagen": "Selbst in Waldgebieten wird Nitrat durch Regen eingewaschen und die Belastungen durch Kanalisation und private Haushalte sind auch nicht ohne ..." Tatsächlich werden nach Darstellung des Wasserwirtschaftsamts Stickstoffverbindungen der Luft (z. B. Stickoxide aus Verbrennungsmotoren) durch Regen in den Boden eingewaschen. Rosenmüller: "Wenn aber Grund- und Trinkwasser bereits mit Nitrat gesättigt sind, wird diese Dreingabe zum Problem."

Auch Phosphor ein Thema

"Eher unkritisch" beurteilt Fachbereichsleiter Dr. Stephan Behl das Nitrat in den Oberflächengewässern - Bäche, Flüsse und Weiher - in der Heimat. Es komme zu keiner Überschreitung der Orientierungswerte. "Der kritischere Parameter für die Überdüngung der Oberflächengewässer ist nicht Nitrat, sondern Phosphor aus häuslichen Abwässern, kommunalen Kläranlagen und Landwirtschaft." Es gebe eine Übertretung der Orientierungswerte. "Schädlicher als Nitrat sind Nitrit und Ammoniak, die in Abhängigkeit von pH-Wert, Temperatur und Sauerstoffgehalt ein hohes toxisches Potenzial für Lebewesen - wie Fische - aufweisen."

Nitrat und andere Stickstoffverbindungen werden über das Grundwasser, Drainagen, Oberflächenabfluss und zuletzt Kläranlagen in die Gewässer eingetragen, erklärt Dr. Behl. Im Gewässer entstehen dann durch zahlreiche bakterielle Stoffwechselvorgänge und chemische Reaktionen je nach Rahmenbedingung (pH-Wert, Temperatur, Sauerstoffgehalt) die genannten Stickstoffverbindungen in unterschiedlicher Mischung. In Fischweihern und kleinen Gewässern könnten auch durch übermäßiges Füttern oder Zulauf von Gülle "kritische Situationen" entstehen

"Aber jeder Bach und jeder Fluss entsteht aus einer Quelle, die durch Grundwasser gespeist wird. Und das Grundwasser liefert nun mal den höchsten Nitrat-Eintrag." Eine amtliche Entwarnung sieht anders aus.
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