Pikachu, Rattfratz oder Bisasam
Auf der Jagd nach kleinen Monstern mit "Pokemon Go"

(Foto: uax)

Sie tragen seltsame Namen wie Pikachu, Traumato oder Magnetilo, kämpfen gern gegeneinander und haben eine gewaltige weltweite Fangemeinde: die «Pokemon». Der erste Auftritt der «Pokemon» auf dem Smartphone ist ein spektakulärer Erfolg geworden. Nintendo wagt damit schließlich den Sprung ins Geschäft mit Handy-Spielen - stellt aber auch sein bisheriges Erlösmodell in Frage.

Nicht nur Amerika ist im «Pokemon»-Fieber. Ob im New Yorker Central Park oder in den Straßen von San Francisco - überall laufen Leute mit Smartphones in der Hand herum und versuchen, die kleinen Taschen-Monster einzufangen. Der Clou an der App: Die «Pokemon» werden bei eingeschalteter Kamera auf dem Bildschirm in die echte Umgebung eingeblendet.

In den USA wurde «Pokemon Go» nach einem Tag nach Berechnungen von Experten auf etwa jedes 20. Android-Handy geladen. Und im iTunes-Store führt die App die Liste der Kostenlosen Programme vor Snapchat und anderen App-Hits an. Die Entwickler - Nintendos Pokemon Company und die ehemalige Google-Tochter Niantic Labs - wurden von dem Ansturm überrannt. Die weltweite Markteinführung wurde abgebremst, um die Server zu schonen. Mittlerweile ist die Smartphone-App auch in Deutschland für Android-Geräte und Apples iOS-Plattform verfügbar

[View the story "Virtuelle Monsterjagd" on Storify]

Spektakuläre Anekdoten


Der Pokemon-Hype reicht schon für die ersten spektakulären Anekdoten. So hätten vier Jugendliche im Bundesstaat Missouri an einem der sogenannten «Poke-Stops», an denen man Monster-Fallen in Form eines rot-weißen Balls nachladen kann, Spielern aufgelauert und sie mit vorgehaltener Waffe ausgeraubt, berichtete die lokale Polizei bei Facebook.

Außerdem klagte ein Mann sein Leid in Online-Netzwerken, nachdem sein Haus versehentlich als sogenannter Poke-Stop markiert worden war. Und schon am Samstag fand eine 19-Jährige auf der Suche nach den «Pokemon» eine Leiche in einem Fluss im US-Bundesstaat Wyoming, wie das Portal «County 10» berichtete. Ein Bericht über einen von «Pokemon Go» ausgelösten Verkehrsunfall erwiesen sich hingegen als Fake. Auf Twitter wurde vorgeschlagen, bei der Präsidentenwahl in November seltene «Pokemon» in Wahllokalen zu platzieren, damit dort mehr Leute aufkreuzen.

Pokemons beschäftigen PolizistenDie Polizei in Goochland im US-Staat Virginia ließ über ihre Facebook-Seite wissen, dass sie die Jagd nach Pokemon-Figuren nicht als Ausrede für unbefugtes Betreten öffentlicher und privater Anwesen tolerieren werde. Polizisten berichten, sie hätten am Wochenende Pokemon-Spieler mitten in der Nacht in Geschäften, Kirchen und öffentlichen Gebäuden gefunden, die eigentlich geschlossen gewesen seien. Dieses unbefugte Betreten stelle für Spieler, Passanten und Polizei eine Gefahr dar.

Vier Jugendliche sollen in O'Fallon (Missouri/USA) mittels "Pokemon go" Raubüberfälle gegangen haben. Die Männer im Alter zwischen 16 und 18 Jahren wurden in der Nacht zum Sonntag (Ortszeit) festgenommen, wie die örtliche Polizei bei Facebook mitteilte. Die Verdächtigen sollen Spieler zu einem sogenannten Poké-Stop angelockt und mit einer Waffe ausgeraubt haben. Die Zeitung «USA Today» berichtete von «zehn bis elf bewaffneten Raubüberfällen».

Eine 19-jährige Frau hatte am Samstag beim Spielen von «Pokémon Go» im US-Bundesstaat Wyoming eine Leiche in einem Fluss gefunden, wie das Portal «County 10» berichtete. Demnach hatte die Polizei keine Hinweise darauf, dass der Tote Opfer eines Verbrechens geworden war.


US-Gedenkstätten zeigen «Pokémon»-Jägern die rote Karte



US-Gedenkstätten wehren sich gegen die Monsterjagd in ihren Einrichtungen. Besucher seien aufgerufen, von der Nutzung der neuen Smartphone-App abzusehen, teilten das Holocaust-Museum und der Arlington-Nationalfriedhof mit.

Auch das Holocaust-Museum und der Militärfriedhof sind in der App als möglicher Aufenthaltsort von «Pokémon»-Monstern markiert. Es werde nun versucht, das Museum aus dem Spiel streichen zu lassen, sagte Sprecher Andrew Hollinger. Die App in einer der Opfer der Nazis gewidmeten Gedenkstätte zu spielen, sei «extrem unangemessen», ergänzte er.

Am Arlington-Militärfriedhof in Virginia sagte Sprecher Stephen Smith, bei dem Stopphinweis für «Pokémon-Go»-Spieler handele es sich eher um eine Vorbeugungsmaßnahme als um ein konkretes Problem. Doch würde die Nutzung des Spiels auf «diesem heiligen Boden» nicht als angebracht betrachtet. Allerdings lasse sich nur schwer feststellen, ob ein Besucher gerade «Pokémon Go» spiele oder aber respektvoll auf seinem Smartphone die hauseigene App zur Navigation nutze, schränkte Smith ein.

Erste Schadsoftware aufgetaucht


Außerhalb der drei Länder kann man das Spiel nur über Tricks laden. Hacker nutzten das bereits, um Schadsoftware, die sich als «Pokemon Go» tarnt, im Netz zu platzieren. Sie könne komplett die Kontrolle über ein Smartphone übernehmen, wie die IT-Sicherheitsfirma Proofpoint warnte.

Versionen mit Trojaner im Umlauf «Im Netz kursieren APK-Dateien des Spiels zum Installieren auf Android-Smartphones. Die Installation des Augmented-Reality-Spiels am Play Store vorbei, kann aber gefährlich werden, wie «heise online» berichtet. Sicherheitsforscher haben bereits manipulierte Kopien des Spiels entdeckt, die Spionagesoftware enthalten. Der Droid Jack genannte Trojaner erlaubt die Kontrolle des Smartphones und den Abgriff von Daten aus der Ferne.


Die «Pokemon», gestartet vor 20 Jahren, hat sich für Nintendo zu einem Dauerbrenner mit einer weltweiten Gemeinde aus Millionen Fans entwickelt. Wie in den traditionellen Spielen kann man die «Pokemon» mit Namen wie Pikachu, Rattfratz oder Bisasam gegeneinander in Kämpfen antreten lassen. Allein in der App kann man aktuell 96 «Pokemon» einsammeln, insgesamt gibt es hunderte.

Boom für Nintendo


Für den Konzern Nintendo ist der Erfolg des Spiels auf dem Handy ein fulminanter Befreiungsschlag. Der Videospiele-Pionier ignorierte lange den Markt der Smartphone-Apps und verkaufte die Games mit seinen beliebten Figuren wie Super Mario, Donkey Kong oder eben die «Pokemon» nur für eigene Spielekonsolen. Die Verkäufe der relativ erfolglos gebliebenen Fernseher-Konsole Wii U und der mobilen 3DS sinken aber. Gleichzeitig verbringen die Leute immer mehr Zeit mit den günstigen bis kostenlosen in Smartphone-Spielen - und die freie Tage am Tag ist auch begrenzt.

Nintendo-Aktie steigtDer große Erfolg eines «Pokemon»-Spiels für Smartphones hat die Aktie des Spiele-Konzerns Nintendo am Montag um rund ein Viertel hochgetrieben. Das Papier war in den vergangenen Monaten wegen Zweifeln an Nintendos Geschäftsmodell mit dem Fokus auf Spielekonsolen unter Druck geraten. Nun legte es in Tokio um 24,52 Prozent zu.
Branchen-Analysten hatten schon lange darauf gedrängt, Nintendo solle endlich seine Figuren auf Smartphones bringen. Der japanische Traditionskonzern hatte jedoch Angst, damit seine Erlöse aus Spieleverkäufen abzuwürgen. Denn bei Smartphone-Apps hat sich das Modell durchgesetzt, dass die Games sehr günstig oder kostenlos sind - und das Geld wird dann so gut es geht über den Verkauf virtueller Artikel verdient.

Das Geschäftsmodell mit In-App-Käufen klappt so richtig gut nur bei den wenigen Top-Hits. Und während Nintendo sonst gewohnt ist, 30 bis 60 Euro pro Spiel einzunehmen, kostet auch «Pokemon Go» für Android und iOS zunächst einmal nichts. Dafür muss man dann zum Beispiel für einen Sack mit 1200 Pokemünzen - der Währung in der App - 9,99 Euro berappen. Und nützliche Utensilien kosten dann - zum Beispiel 100 Pokebälle zum Fangen der Monster 460 460 Münzen. Wie ertragreich das sein wird - und wie lange die «Pokemon»-Euphorie bei den Smartphone-Nutzern anhält - muss sich noch zeigen.

Fragen und Antworten zum Phänomen Pokemon go


Von Andrej Sokolow und Christoph Dernbach

«Pokemon» tragen seltsame Namen wie Pikachu, Traumato oder Magnetilo, kämpfen gern gegeneinander und haben eine gewaltige weltweite Fangemeinde. Fragen und Antworten zu dem Phänomen, das mit dem Smartphone-Spiel «Pokémon Go» einen neuen Schub bekam:

Wieso scheint die ganze Welt auf einmal nach «Pokémon» verrückt zu sein?

Es ist das erste Mal, dass man «Pokémon» auf dem Smartphone spielen kann. Der japanische Spiele-Anbieter Nintendo brachte die beliebten Figuren bisher nur in Games für die hauseigenen Konsolen heraus. Inzwischen jedoch wechseln immer mehr Spieler auf Smartphones und Nintendo konnte diesen Trend nicht mehr ignorieren.

Was sind «Pokémon» überhaupt und worum geht es bei dem Spiel?

«Pokémon» ist eine Wortbildung aus «Pocket Monster» - Taschenmonster. Zum ersten Mal tauchten sie 1996 in einem Spiel in Japan auf. Die «Pokémon» sind darauf versessen, gegeneinander zu kämpfen. Der Spieler fängt sie als «Pokémon-Trainer» mit Hilfe weiß-roter Bälle ein und bildet sie aus. Im «Pokémon»-Universum gibt es mehr als 700 Figuren. Die beliebteste dürfte «Pikachu» sein - ein kleines gelbes Monster mit einem Schwanz in der Form eines Blitzes. Neben den Videospielen blüht ein gewaltiges Geschäft mit Sammelkarten und allen möglichen anderen Fanartikeln von Plüschfiguren bis Brotdosen.



Was ist das besondere an dem Smartphone-Game?

Im Grunde geht es auch hier darum, «Pokémon» zu fangen und dann gegeneinander antreten zu lassen. Der Clou ist jedoch die Standort-Erkennung (GPS) auf dem Smartphone. Die «Pokémon» verstecken sich an verschiedenen Orten - und ein Spieler sieht sie nur, wenn er in der Nähe ist. Dann werden die Figuren auf dem Display des Telefons in die echte Umgebung eingeblendet («Augmented Reality»). In den USA, Neuseeland und Australien sammelten sich schon große Menschenmengen an Orten mit populären «Pokémon» an. Die kleinen Monster reagieren auf die virtuelle Umgebung: So tauchen Wasser-Pokémon besonders häufig in der Nähe von Flüssen oder Seen auf.

Kann man Pokémon Go auch in Deutschland spielen?

Offiziell ist die App nur in Japan, den USA und einigen englischsprachigen Längern im Google Play Store für Android-Geräte und im iTunes-App-Store von Apple für das iPhone verfügbar. Für Deutschland und andere europäische Länder steht noch kein offizielles Startdatum fest.

Aber wie kommen all die Spieler in Deutschland an Pokémon Go, die man jetzt überall sieht?

Es kursieren im Netz Dateien für Android, da Google auch Installationen außerhalb des Play Stores erlaubt. Da inzwischen allerdings auch mit Schadsoftware infizierte Versionen im Umlauf sind, sollten Anwender nur bekannte und sicher geltende Quellen wie apkmirror.com ansteuern. Für die Installation auf dem iPhone benötigt man derzeit noch einen iTunes-Account aus den USA oder den anderen Ländern, in denen Pokémon Go offiziell angeboten wird. Den kann man sich mit einem Trick auch in Deutschland anlegen. Man verstößt damit aber gegen die Allgemeinen Geschäftsbedingungen von iTunes.

Wer steckt hinter dem Spiel?

Es wurde gemeinsam entwickelt von der Nintendo-Beteiligung Pokémon Company und der ehemaligen Google-Tochter Niantic Labs. Letztere hatte unter dem Dach des Internet-Konzerns das ebenfalls auf Ortungsdaten basierte Spiel «Ingress» programmiert. In ihm kämpfen zwei Lager um virtuelle Portale, die an verschiedenen Orten platziert wurden.

Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.