Sir Paul im Zenit seiner Musik

50 Jahre nach dem legendären Auftritt der Beatles im Circus-Krone-Bau begeisterten Paul McCartney und seine jetzige Band mit einer grandiosen Show das Publikum im Münchener Olympiastadion. Bild: Kunz

"Servus", ruft Paul McCartney ins Münchener Olympiastadion, und ab dann ist die Welt in Ordnung. Zweieinhalb Stunden, die sich im Gedächtnis vereinen mit einem Konzert der Beatles, das 50 Jahre davor im Circus-Krone-Bau für Massenhysterie gesorgt hat.

München. Sir Paul ist aufgekratzt und in bester Stimmung. Er kommt, lächelt smart in die Runde von Zehntausenden seiner Fans und legt los. Furios, unglaublich, so als ob nicht ein einziger Tag zwischen Circus-Krone-Bau und Olympiastadion vergangen wäre. Und doch liegt ein halbes Jahrhundert dazwischen. "A Hard Day's Night" leitet, so wie damals, die Explosion der Gefühle ein.

Alles dreht sich im Riesenrad, in dessen Gondeln Sergeant Pepper neben Lady Madonna sitzt. Begleitet von Menschen, die auf ihre Jugend blicken und dort vier Männer erkennen, die sich John, Paul, George und Ringo nannten. Ein Quartett, das zum Eintritt in das rockige Ringelspiel ein "Ticket to Ride" zu lösen empfahl.

38 Höhepunkte


Hat diese Stadt jemals ein besseres Rockkonzert gehört? Man hat so viele gesehen in all der Zeit. Doch Paul McCartney toppt sie alle. Der 73-Jährige im blauen Sakko macht sämtliche Songs, die seine Fans von ihm erhoffen. Mal hängt er sich den obligaten Höfner-Bass um, dann eine Sechssaitige, nimmt die Ukulele in die Hand. Sir Paul sitzt am Yamaha-Flügel, nimmt am Keyboard Platz. Gibt es einen Höhepunkt in diesem Auftritt? Leicht beantwortet: 38 Lieder, und jedes einzelne davon ein Highlight.

Die Retrospektive ist umfassend. "Love Me Do" und "We Can Work It Out", dann ein Song für Ehefrau Nancy Shevell und für ihre Vor-Vorgängerin Linda Eastman. Der legendäre "Blackbird" flattert durch die Dämmerung, an John Lennon und George Harrison wird erinnert. Der Mann aus Liverpool ist an seiner Musik gereift, und er sucht, wie damals auf dem Dach der Abbey-Road-Studios beim Abschied der Beatles, noch immer nach dem Zeitgeist. Doch den hat er längst in einem Zenit erreicht, der ihn zur Ikone macht.

Furiose Band


Sir Paul gönnt sich keine Pause. Inmitten einer furios agierenden Band und der im Farbenrausch explodierenden Bühnenshow sorgt er für einen unvergesslichen Abend. Je länger dieses Konzert dauert, desto besser wird es. Erst "Hi, Hi, Hi" aus der Wings-Ära, dann "The Fool on the Hill", "Lady Madonna" und "Eleanor Rigby". McCartney kokettiert mit der deutschen Sprache, erinnert an alte Hamburger Zeiten, zitiert auf Deutsch aus "Jakob, der Rabe". Eine fast schon slapstickartige Einlage, die aus dem ersten Beatles-Film "Yeah! Yeah! Yeah!" hätte stammen können.

Die Wanderung durch Höhen des Rock 'n' Roll geht weiter. Alles ist so geblieben, wie es immer war. Auf dem geraden Weg zum Gipfel. Mühelos, ohne Verschnaufpause und mit ihm, der irgendwann die deutsche Fahne in der Hand hält. "Obladi, Oblada" und "Something", danach "Band on the Run". Alles aus seiner Feder. Songs für die Ewigkeit. Dann "Live And Let Die", begleitet von einem in der ganzen Stadt sichtbaren Feuerwerk.

Der Olymp im Olympiastadion ist noch nicht erreicht. Es gibt "Back in the USSR", "Let It Be" und "Hey Jude". Phase der Gänsehaut. Ein Stück Geschichte, das allein Paul McCartney noch steigern kann. Denn endlich, hoch droben auf dem Scheitelpunkt eines unglaublichen Glücksgefühls, erklingt dieses Lied, das zum Besten zählt, was jemals auf ein Notenblatt kam: "Yesterday".

Unerreichtes Lebenswerk


Längst hat sich die Nacht über München gesenkt. Die Arena wird von Feuerzeugflammen und Handytaschenlampen erleuchtet. Sir Paul verneigt sich artig, hält den Daumen nach oben. Der Gigant tritt ab. Nach 159 faszinierenden Minuten.

Ovationen für einen Mann, der noch immer die Zügel in seiner Hand hält. Weil es keinen Musiker unserer Tage gibt, der sich mit seinem Lebenswerk auch nur annähernd messen könnte.
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