Unser „Papa vom Dienst“ in Leipzig: Mit rosa Leggins mitten in der Völkerschlacht 2.0
Kultur in Leipzig

Shoppen gehen kann ganz schön anstrengend sein. Unser „Papa vom Dienst“ kann ein Lied davon singen. (Foto: Hartl)
(noe)

Weil mir Kultur sehr wichtig ist und ich meinen Kindern die Bedeutung von Kultur und Geschichte näherbringen möchte, fahren wir nach Leipzig. Da gibt es überall bedeutende Sehenswürdigkeiten: Schillerhaus, Nikolaikirche, Völkerschlachtdenkmal. „Wo fangen wir nur an, Kinder?“, frage ich. Wir fangen mit einem Modegeschäft an. Eigentlich sind wir nur in diesem Modegeschäft. Da, wo fünf T-Shirts zwei Cents und acht Jacken neun Cents kosten.

Die Leute laufen alle rum wie ferngesteuert, quasi Völkerschlacht 2.0. Wir mittendrin. „Passt das T-Shirt, Papa?“ „Ja.“ „Ist es nicht zu weit?“ „Eher zu eng, mein Kind.“ „Also ist es nicht schön?“ „Doch, nimm es.“ „In Rot?“ „Ja.“ „Oder doch lieber in Blau?“ „Nein! Rot!“ „Was hast du gegen Blau?“ „Nichts, verdammt noch mal, ich will einfach hier raus, nach vier Stunden ist das doch nicht zu viel verlangt, oder?“ „Wir sind doch erst 20 Minuten da.“ „Ja, und ich habe schon drei volle Tüten in den Händen!“

Dann taucht plötzlich ein Mann mit wirren Haaren samt wirrem Blick im Getümmel auf und schleift mich mit seinen 28 Tüten mehrere Meter mit. „Dö drübm!“, schreit er immer – im Schlepptau eine Frau in rosa Leggins. Wohl seine Frau. „Dö drübm!“ Ich reiße mich schließlich los und kämpfe mich zurück zu den Kindern. Eines davon trägt auf einmal exakt die gleiche Leggins wie die Frau von dem Mann mit den wirren Haaren.

„Wo gibt’s denn diese hässlichen Hosen?“ „Da drüben!“ „Du meinst, dö drübm?“ „Was?“ „Egal.“ Ich schaue mein Kind an, mein Kind schaut mich an. Wir schauen beide auf die rosa Leggins hinab. „Nicht schön?“ „Kind, was soll das?“ „Also nicht schön?“ „Ich verstehe die Frage nicht.“ Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: Wir sollten noch drei volle Stunden in dem Modegeschäft verbringen. Von wegen drei volle Tüten.

Es geht bergab


Ein Freund von mir steckt in der Midlife-Crisis. Er zieht neuerdings nicht mehr das an, was ihm seine Frau jahrelang rausgelegt hat, sondern trägt jetzt Polo-Shirt. Selbst gekauft. Er ist jetzt quasi der Dieter Bohlen des Neubaugebiets. Demnächst will er sich einen kleinen Sportflitzer kaufen, weil der so cool ist.
Ich sage: „Der Sportflitzer ist vielleicht cool, aber du nicht – Mensch, dein neuer Style bringt doch nichts.“ Da dreht er völlig durch. „Nur weil du nicht auf dich achtest, musst du mich nicht schlecht reden! Sieh dich doch mal an!“ „Hey, Moment mal, was soll denn das heißen?“ „Na, diese Hose, die du trägst…“ Meine Tochter hat mir die Leggins geliehen. Ich meine, DAS ist cool!

Es geht bergauf


Mit einigen Kollegen laufe ich heute den Stadtlauf in Nürnberg. Zehn Kilometer. Ich bin gut dabei die ganze Strecke. Bis der neue Azubi kommt. Der läuft zwei Kilometer vor dem Ziel wie aus dem Nichts locker an mir vorbei, und ich rufe: „Hey, du wirst doch wohl deinen Kollegen nicht einfach zurücklassen?!“ Und wissen Sie, was dieser Bengel daraufhin gesagt hat?! WISSEN SIE, WAS ER GESAGT HAT?! Er drehte seinen Kopf leicht nach hinten, grinste mich an und sagte: „Das liegt ganz allein an dir.“ Unglaublich, oder? Wo er Recht hat, hat er Recht.

Kasse 6, bitte


Wir stehen im Modegeschäft an der Kasse. Was heißt Kasse! Es gibt zehn Kassen. Und ständig Durchsagen: „Kasse 2, bitte.“ Oder: „Kasse 8, bitte.“ Es ist eine Mischung aus Arbeitsamt, wo man mit seiner Nummer aufgerufen wird und Discounter, wenn eine neue Kasse aufgemacht wird. An Kasse 5 steht der Mann mit den wirren Haaren samt seiner Dame in Rosa, dann wird die Kasse 6 frei – „Kasse 6, bitte.“ Wir sind dran.

Ich schleife 42 Tüten den Gang entlang und werfe dem Kassierer alles hin. Wir zahlen 2,60 Euro. Meine Töchter blicken mich strahlend an: „Cool, oder, Papa? Voll billig, oder?“ Der Mann von nebenan schaut zu uns herüber. Ich schau mein Kind an und sag: „Sei still und stell dich einfach da hin.“ „Wo?“ „Dö drübm.“ Hören Sie mir auf mit Kultur!
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