Wackelkandidaten gesucht

Klaus Stolzenberger drückt mit seinem Oberkörper gegen einen Grabstein am Eschenbacher Friedhof und schaut aufs Display seines Messgeräts. 500 Newton darf er nicht überschreiten. Bild: spi
 
Knapp 700 Grabmäler stehen am Eschenbacher Friedhof. Alle muss Klaus Stolzenberger überprüfen. Dafür braucht er mehrere Stunden.

Seit 5 Uhr morgens ist Klaus Stolzenberger auf den Beinen. Auf dem Friedhof in Eschenbach geht er von Grabstein zu Grabstein. Mit einem Gerät drückt er kurz gegen den Granit und wartet auf das Piepsen. Knapp 700 Mal macht er das.

Zwei Mäuse flitzen an einer Mauer entlang. Im Schatten der Grabsteine spielen sie Verstecken. Ein Mann mit beiger Kappe auf dem grau melierten Haarschopf bleibt an einem Grabstein aus Granit stehen. Über sein schwarzes T-Shirt hat er sich einen Brustpanzer geschnallt. Eine Art Kanonenrohr ragt rund 40 Zentimeter waagerecht nach vorne. Zwei breite Träger halten das Gestell wie einen Bauch-Rucksack. Der Friedhof ist der Arbeitsplatz von Klaus Stolzenberger. Er überprüft Grabsteine, schaut, dass die rund 1000 Kilogramm schweren Brocken nicht wackeln. Sie sollen Friedhofgänger nicht unter sich begraben.

"Ich habe heute ziemlich früh angefangen wegen der Hitze", sagt der Würzburger und schaut in den wolkenlosen Himmel. "Gestern war ich in Mantel, da war es sehr heiß." Rund 700 Grabsteine muss er am Mittwoch in Eschenbach messen. Um 8 Uhr morgens hat er schon fast die Hälfte geschafft. Gefunden hat er noch nichts. "Es sieht auch nicht danach aus", vermutet er.

Schon viermal war der Prüfer in Eschenbach: "Beim ersten Mal mussten zirka zehn Gräber ausgebessert werden." Zu groß sei die Gefahr, dass jemand durch einen umkippenden Grabstein verletzt wird. "Wenn die 1000 Kilogramm fallen, hält das keiner." Dass so etwas doch niemals passiere, lässt er nicht gelten: "Ich kenne fast keinen Friedhof, auf dem es noch keinen Unfall gegeben hätte", erklärt Stolzenberger und setzt sein Prüfgerät an den schwarz glänzenden Granitstein.

Sein rechtes Bein ist ein wenig gebeugt, das linke ausgestreckt, als er sich - das Gerät voran - gegen den Stein lehnt. Die Bewegung erinnert ein bisschen an Yoga. Auf dem Display erscheint ein Ladebalken, Ziffern schnellen wie bei einer Waage nach oben: 50, 230, 450 Newton - das Gerät piepst - 500,01 Newton. Knapp über zwei Sekunden dauert die Messung. "Der Druck von 500 Newton ist ein Mittelwert, den man auf einen 1,20 Meter hohen Grabstein ausübt", erklärt der gelernte Steinmetz die Zahl.

Fehler bald beheben

Den Wert habe man von dem Gewicht abgeleitet, das auf dem Grab lastet, wenn sich jemand beispielsweise bei einer Beerdigung an den Stein lehnt. Diesem Druck muss der Stein standhalten. Tut er das nicht, informiert Stolzenberger Stadt oder Kirche - je nachdem, wer Grundstückseigentümer ist. "Ein Dorn verbindet den Sockel mit dem Grabstein. Ist da etwas lose, muss ein Steinmetz den Fehler innerhalb von vier bis sechs Wochen ausbessern", sagt der 53-Jährige. Eine Klebefuge reiche nicht aus.

"Ältere Grabmäler haben keinen solchen Dübel, da weiß ich, aha, da könnte etwas sein." Stolzenberger schaut auf sein Display, das Gerät hat selbstständig zum nächsten Grab auf der Liste geblättert - alles passt. In der Liste sind unter anderem der Name des Grabeigentümers und das Datum der letzten Prüfung notiert: 30. Juni 2014 steht da. "Das ist ja fast auf den Tag genau", freut er sich. "Ich versuche immer, genau nach einem Jahr wiederzukommen."

"Friedhof schöner als Park"

Durch seinen Beruf kommt Stolzenberger viel rum, kennt die Friedhöfe in Hamburg, Köln, Kassel, Hersbruck und eben im oberpfälzischen Eschenbach. Und überall ist es anders. "Sowas wie in Hersbruck hab ich noch nicht erlebt. Da hat der linke Teil des Friedhofs der Gemeinde gehört, der mittlere der evangelischen Kirche und der rechte wieder der Gemeinde. Mauern dazwischen gab es keine. Ich wusste nicht, wo welcher Teil anfängt." Der Auftrag sei aber nur von der Stadt ausgegangen, nicht von der Kirche - wo also aufhören zu prüfen? Besonders begeistert ist Stolzenberger von dem Waldfriedhof, den es im Hamburger Stadtteil Altona gibt. "Der ist schöner als ein Park", schwärmt er. "Wie die Kirschbäume dort blühen, toll. Ich bin gerne in der Natur, deshalb mag ich meinen Beruf auch so. Man ist immer an der frischen Luft."

Unwohl fühle sich Stolzenberger auf Friedhöfen auch nachts nicht, wenn er schon um 4 Uhr morgens prüft. "Das ist kein Problem für mich. Es ist noch keiner von den Kollegen da unten aufgestanden und hat gesagt: ,Geh runter von mir'." Mit dem Schrittzähler in seinem Handy zeichnet er auf, wie weit er an einem Tag läuft. "Wenn ich acht Stunden unterwegs bin, kommen im Schnitt acht bis zehn Kilometer zusammen", rechnet er vor, "mit neun Kilo Brustpanzer im Gepäck." Und das bei hochsommerlichen Temperaturen, denn Stolzenbergers Hauptsaison ist zwischen Mai und November. "Im Sommer ist alles so eingetaktet, dass ich jeden Tag Kunden habe, ohne Urlaub."

Im Winter Pause

Während der Frostperiode geht nichts. "Zwischen November und März kann ich keine Grabsteine prüfen. Stellen Sie sich vor, Schnee liegt auf dem Stein, schmilzt und läuft in eine Fuge, über Nacht friert die Lücke zu und das Eis hält den Stein, eigentlich wäre er aber lose. Ich würde ein falsches Messergebnis bekommen", erklärt er. Damit sei niemandem geholfen.

Schwierig werde es auch, wenn die Bürger von der Stadt nicht informiert würden, dass ein Prüfer kommt. "Einer kam mal und hat sich aufgeregt, was ich da mache", erzählt er. "Ein anderer habe gemeint, es sei Geldschneiderei und so etwas brauche man nicht. Und dann hat eine Frau zu ihm gesagt ,du brauchst was sagen, meine Tochter wurde schon von deinem Grabstein erwischt'." Eben wegen solcher Geschichten ist sich der Würzburger Steinmetz sicher, dass eine jährliche Prüfung mit dem richtigen Gerät - nicht per Hand - notwendig ist.
Weitere Beiträge zu den Themen: Eschenbach (13379)Klaus Stolzenberger (1)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.