Abgas-Skandal
VW-Ermittler tappen noch im Dunkel

Der ehemalige VW-Vorstandschef Martin Winterkorn trägt laut Jones Day keine Verantwortung am Abgas-Skandal. Archivbild: dpa

Alle haben dieselbe Frage - doch bisher hat niemand eine Antwort: Wer ist schuld am Abgas-Skandal bei VW? Die Umstände der Geburtsstunde für die Manipulations-Software in elf Millionen Autos mit Diesel-Motor liegen weiter im Dunkeln. Seit Monaten beißen sich die Ermittler die Zähne aus.

Wolfsburg. Auch fast sieben Monate nach dem Auffliegen des Diesel-Skandals herrscht bei Volkswagen nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur keine endgültige Gewissheit über den Ursprung der illegalen Abgas-Software. Die vom VW-Aufsichtsrat beauftragte US-Kanzlei Jones Day hat bei ihren Ermittlungen bisher nicht vollständig klären können, wie es zum Einsatz des Betrugsprogramms kam.

Der Verstoß lässt sich derzeit nur auf Abteilungen und verschiedene Personen eingrenzen, nicht aber in der Kette der Geschehnisse restlos rekonstruieren. Ausschließen kann Jones Day bislang eine Mitschuld des Vorstands um Ex-Chef Martin Winterkorn. Das erfuhr dpa aus voneinander unabhängigen Quellen. Ein VW-Sprecher sagte am Freitag in Wolfsburg: "Wir können uns nicht zu den Untersuchungen von Jones Day äußern."

Direkte Anweisung?


Damit ist trotz der umfangreichen internen Ermittlungen noch immer offen, ob nun einzelne VW-Entwickler aus eigenem Antrieb heraus den fatalen Fehler begingen - etwa weil sie ihren Ingenieurstolz verletzt sahen - oder ob sie womöglich doch auf direkte Anweisung handelten. Die Kanzlei wollte dem sogenannten Diesel-Ausschuss des Aufsichtsrats ihren umfangreichen Zwischenbericht eigentlich am 10. April vorlegen. Das Treffen fiel jedoch aus. Inzwischen hat der Stand der Aufklärung den Diesel-Ausschuss verlassen und ist als zentrales Thema wieder im erweiterten Kreis der VW-Kontrolleure angekommen.

Volkswagen hatte wiederholt erklärt, sich bis spätestens Ende April zur Schuldfrage zu äußern. Dieser "substanzielle Bericht" sollte darlegen, wie die Ereignisse um den Einsatz des Betrugsprogramms abliefen und welche Abteilungen und Hierarchien eingebunden waren.

Die Ergebnisse der dpa-Recherchen erhärten, konkretisieren und stützen ein Bild, das sich Anfang März bereits abzeichnete. Damals verfasste der Konzern eine juristische Erwiderung auf Anlegerklagen, die dem Vorstand um Winterkorn eine Mitschuld unterstellten.

Erst spät informiert


In dem vertraulichen Schriftsatz argumentieren die VW-Anwälte, dass der gesamte Vorstand erst wenige Wochen vor dem öffentlichen Bekanntwerden der Affäre im September 2015 von den Manipulationen wusste. Andere Sichtweisen seien Behauptungen "ins Blaue hinein".

In der Klageerwiderung steht: "Die Entscheidung, die Motorsteuerungssoftware zu verändern, wurde vielmehr von VW-Mitarbeitern unterhalb der Vorstandsebene auf nachgeordneten Arbeitsebenen des Bereichs Aggregate-Entwicklung getroffen." Der Konzern sprach in einer Mitteilung Anfang März von einer "Gruppe von Personen, die im Einzelnen aktuell noch ermittelt werden".

VW-Kernmarke im März weiter auf TalfahrtDie Pkw-Kernmarke von Volkswagen steckt bei ihren Verkäufen in wichtigen Märkten weiter im Minus fest. Nach einem Rückgang um 2,7 Prozent im Monat März liegen die Auslieferungen nach dem Startquartal 2016 um 1,3 Prozent unter dem Niveau des Vorjahres. Das teilten die Wolfsburger am Freitag mit. In den USA, wo VW-Pkw in der Abgas-Affäre unter einem Diesel-Verkaufsstopp leidet, brachten die ersten drei Monate im Jahresvergleich ein Minus von 12,5 Prozent. Gewohnt schlecht lief es im Quartalsvergleich auch in Südamerika (minus 31,3 Prozent) und in Russland (minus 12,5 Prozent).

Auch der wichtige Heimatmarkt Deutschland ist für die Marke rund um Golf und Passat rückläufig: minus 3,8 Prozent.

Neben der Verkaufsregion Zentral- und Osteuropa, die trotz der Russland-Schwäche in Summe um 2,1 Prozent im Plus liegt, ist einzig China ein Lichtblick: Auf dem weltgrößten Pkw-Markt lieferte die Kernmarke per März 6,5 Prozent mehr aus. Mit den dort von Anfang Januar bis Ende März 722 800 verkauften Wagen entfallen 50 Prozent der weltweiten Auslieferungen auf das Reich der Mitte.

Damit ist VW mehr denn je abhängig vom Erfolg in der Volksrepublik. Dort teilen sich die Wolfsburger das Geschäft in einem Gemeinschaftsunternehmen mit den Chinesen. (dpa
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