Abgaswerte deutlich überschritten
Dicke Luft in Autobranche

Wichtig ist, was hinten rauskommt: Das gilt auch für Autos. Archivbild: dpa

Umweltschützer sagen es schon lange. Doch jetzt ist es amtlich: Viele in Deutschland fahrende Autos stoßen im Verkehr sehr viel mehr Stickoxide aus als bei Abgastests. Das hat Konsequenzen - nicht nur für VW.

Berlin. Bislang waren sich die deutschen Hersteller einig. VW sei ein Einzelfall, die Branche dürfe nicht unter Generalverdacht geraten - das hat die Autoindustrie seit Beginn der Abgas-Affäre nimmermüde wiederholt. Doch nun wird klar: Probleme mit Abgassystemen gehen weit über Volkswagen hinaus. Zumindest gibt es eine große Grauzone, in der sich deutlich mehr Hersteller getummelt haben, als bislang bekannt war.

Von einem "freiwilligen Rückruf" ist jetzt die Rede. Aber so freiwillig sind die versprochenen Maßnahmen zur "Optimierung" der Diesel-Fahrzeuge, die Audi, Mercedes, Opel, Porsche und VW jetzt mit dem Bundesverkehrsministerium vereinbart haben, wohl doch nicht. Denn ohne den Abgas-Skandal bei VW hätte es die Nachprüfungen des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA) wohl nie gegeben. Hinzu kamen der Druck der Öffentlichkeit und Begehrlichkeiten beim Umweltbundesamt, seine Zuständigkeiten in Sachen Abgase zu erweitern.

Schutz von Bauteilen


Nachdem VW zugegeben hatte, Emissionswerte mit einem Abschaltmechanismus manipuliert zu haben, betonten die übrigen Autohersteller, sie hätten nicht geschummelt. Die Abgasreinigung werde zwar in bestimmten Fällen - vor allem bei niedrigen Temperaturen - heruntergeregelt, räumten Konzerne ein. Das sei legal und diene dem Schutz von Teilen im Motor, die sich sonst mit unverbrannten Rückständen zusetzen.

Das sehen die Behörden nun etwas anders. Zwar betont auch das Verkehrsministerium, die sogenannten Thermofenster seien nicht illegal. Allerdings gibt es inzwischen auch beim KBA Zweifel, ob dieser "Bauteilschutz" nicht in einigen Fällen nur eine Ausrede ist, um die Überschreitung der Grenzwerte zu rechtfertigen. Das US-Justizministerium hat offenbar auch einen Verdacht. Daimler teilte in der Nacht zum Freitag mit, der Konzern strenge auf Aufforderung des Ministeriums interne Untersuchungen über die offiziellen Abgaswerte an. Die Aufforderung folgt auf Sammelklagen von Autobesitzern in den USA, die dem Hersteller illegal überhöhte Emissionswerte bei Dieselmotoren vorwerfen. Daimler hält die Sammelklagen für unbegründet und will sich dagegen mit juristischen Mitteln zur Wehr setzen werde.

Deutlich höhere Werte


Mit dem Rückruf in Deutschland ist das Haus von Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) jetzt die erste europäische Behörde, die nach den Nachmessungen von Dieselfahrzeugen ernsthafte Konsequenzen auch für andere Autohersteller als Volkswagen zieht. Das britische Verkehrsministerium hat zwar auch schon mitgeteilt, seine Nachmessungen hätten bei Straßentests Werte von Stickoxiden (NOx) ergeben, die um ein Vielfaches über denjenigen auf dem Prüfstand liegen. Von Rückrufen ist in Großbritannien aber bisher keine Rede. "Deutschland braucht nicht nur legale Autos, sondern saubere Autos", sagt Greenpeace-Experte Tobias Austrup. "Solange Minister Dobrindt den Autokonzernen offiziell erlaubt, dass Dieselwagen die geltenden Grenzwerte auf der Straße weiterhin um ein Vielfaches überschreiten, wird der Diesel-Skandal nicht enden."

Mit Hintertürchen


Dass die Abgaswerte, die auf dem Prüfstand gemessen werden, wenig mit den tatsächlichen Werten auf der Straße zu tun haben, ist seit langem bekannt. Genauso ist bekannt, dass auf den Prüfständen erlaubterweise getrickst wird. So dürfen zum Beispiel die Reifen aufgepumpt werden, um den Rollwiderstand zu senken. Das führt zu Abweichungen zwischen Test und Realität. Dobrindt plant nun "Doping-Tests" für Autos. Realistische Ergebnisse bringen sollen außerdem die "Real Driving Emissions", die in der EU von 2017 an schrittweise eingeführt werden und Labortests ergänzen. Allerdings gibt es auch hier schon Hintertürchen: So sind bis 2020 Übergangszeiten vorgesehen, in denen Dieselautos noch mehr als doppelt so viel Abgase ausstoßen dürfen wie im Labor.
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