Abschied vom großen Traum

Das Projekt war ehrgeizig: Im großen Stil wollte Desertec in der Wüste Strom für Europa erzeugen. Von einst 50 Beteiligten machen jetzt nur noch drei weiter.

Deutsche Industrie- und Finanzkonzerne geben ihr gemeinsames Wüstenstrom-Projekt in seiner bisherigen Form auf. Von der Desertec-Industrie-Initiative (Dii) soll nur noch ein kleines Beratungsbüro für den deutschen Versorger RWE, den saudi-arabischen Energiekonzern Acwa Power und den chinesischen Netzbetreiber SGCC übrig bleiben.

Die Münchner Rückversicherung, die die Desertec-Initiative vor fünf Jahren mit aus der Taufe gehoben hatte, und die anderen Gesellschafter stiegen auf der Dii-Jahresversammlung in Rom aus. "Unsere Verträge laufen alle aus Ende des Jahres", sagte Dii-Geschäftsführer Paul van Son am Dienstag. Die neue Dii werde sich mit zehn Mitarbeitern auf Beratung und Dienstleistung für die drei verbliebenen Gesellschafter bei konkreten Projekten im Nahen Osten und in Nordafrika konzentrieren. Er selbst werde ab Januar für RWE in Dubai arbeiten, sagte van Son.

Die Münchener Rückversicherung erklärte, Desertec habe den Boden bereitet. Jetzt stünden stärker projektbezogene Aufgaben an. Sie ziehe sich deshalb zurück.

Die Desertec-Industrie-Initiative war 2009 mit dem Ziel gestartet, Sonnen- und Windenergie in den nordafrikanischen Wüsten zu erzeugen und damit ab dem Jahr 2050 rund 15 Prozent des europäischen Strombedarfs zu decken. Die neuen Kraftwerke und Hochspannungstrassen sollten 400 Milliarden Euro kosten.

"Projekt nicht gescheitert"

Aber die offene Finanzierung, die politischen Umbrüche und Bürgerkriege in der Region, der subventionierte Ausbau der Wind- und Solarenergie in Deutschland sowie zuletzt der Absprung wichtiger Gesellschafter wie Siemens, Bosch, Eon oder Bilfinger ließen die Verwirklichung der Vision in die Ferne rücken. Statt billigen Strom aus der Sahara nach Europa zu leiten, wird heute umgekehrt überschüssiger Strom aus der EU nach Nordafrika exportiert.

Die Idee vom Wüstenstrom stehe trotzdem noch am Anfang - das Projekt sei nicht gescheitert, betonte Son. "Erneuerbare Energien haben beim Start von Dii vor fünf Jahren im Nahen Osten und in Nordafrika kaum eine Rolle gespielt. Das ist heute völlig anders." In der Region entstehe ein Markt für regenerative Träger. Mehr als 25 Wind- und Solaranlagen seien schon mit einer Gesamtkapazität von drei Gigawatt in Betrieb. Die Dii habe mit Überzeugungsarbeit, Grundlagenstudien und Länderstrategien dabei geholfen.

Son sagte, die vormals rund 50 Gesellschafter und Partner seien zum Teil Konkurrenten gewesen. Es habe langwierige Diskussion und schwierige Entscheidungsprozesse gegeben. Einige hätten inzwischen das Interesse an der Region verloren, andere hätten - wie Siemens - die Solarenergie als Geschäftsfeld aufgegeben.
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