Amberger IG-Metall-Chef: differenziertes Urteil zum Tag der menschenwürdigen Arbeit
"Leiharbeit ist Zuhälterei"

Der Amberg IG-Metall-Chef Horst Ott spricht über menschenwürdige Arbeitsbedingungen in der Region. Das Urteil fällt differenziert aus. Bild: doz
Sulzbach-Rosenberg. (doz) Am Dienstag ist der Welttag für menschenwürdige Arbeit. Der Amberger IG-Metall-Chef Horst Ott verrät, wie die Situation in der Region ist und äußert seinen Wunsch für die Zukunft. Klar, dass dabei auch die Maxhütte Thema ist.

Menschenwürdige Arbeit macht Horst Ott (48) von zwei Dingen abhängig: "Jeder muss von seiner Arbeit leben können", sagt er. Das habe etwas mit Würde zu tun. Außerdem sei es wichtig, sich in der Arbeit ein gutes Stück verwirklichen zu können: "Es ist wichtig, mit dem Wert der Arbeit respektvoll umzugehen." Das gelte für den Chef genauso wie für die Kollegen. Dazu gehöre auch, dass es kein Mobbing gibt.

Der 1. Bevollmächtigte der IG-Metall-Verwaltungsstelle Amberg spricht außerdem von einem Schlüsselerlebnis - einen konkreten Fall, von dem er weiß. Ott berichtet, dass ein Vollzeit arbeitender Leiharbeiter sein Kind zur Nachhilfe schickte. Skurril: Der unterrichtende Schüler verdiente mehr als der Leiharbeiter. "Das kann nicht sein", kritisiert Ott und ergänzt: "Leiharbeit hat mit Würde nichts zu tun. Sie ist und bleibt Zuhälterei."

Ein anderer Wert, der wichtig ist, sei die Arbeitszeit. Diese müsse man aber viel differenzierter als früher betrachten. "Es gibt keine festen Grenzen." Ein Beispiel hat der 48-Jährige auch parat: Während der Schichtarbeiter vielleicht über jede zehn Minuten froh sei, die er früher aus der Arbeit kommt, ist es beim Entwickler anders. Der muss ein Projekt fertigmachen. Anschließend braucht er Zeit zum Sortieren. Deshalb könne ein Entwickler nicht nach sieben Stunden den Stift fallen lassen. Ott bekräftigte außerdem: "Es gibt meiner Meinung nach zu viele Plätze, bei denen wir über Mindestlohn diskutieren müssen." Das gelte für die Dienstleistungs-Branchen genauso wie für die Industrie.

Lob für Luitpoldhütte

Der Amberger IG-Metall-Chef beobachtet, dass viele Arbeitgeber in der Region sich nicht an die Tarifbindungen halten: "Bei vielen kleineren Betrieben spielt die Interessensvertretung keine Rolle mehr." Ott sieht dafür zwei Gründe. Zum einen wachse der Druck auf die Arbeitgeber. Zum anderen wird die Bindung zu der Region und den Menschen geringer. Früher hatten der Chef und der Arbeitnehmer oft einen "Deal". Es galt sozusagen das gesprochene Wort. Das sei für viele Arbeitgeber eine Frage der Ehre gewesen. "Das wird aber weniger." Viele Betriebe würden verkauft oder vererbt, aber die Vertragsverhältnisse bleiben.

Ott nennt auch konkrete Beispiele aus der Region, wenn er über menschenwürdige Arbeit spricht. Als ein negatives führt er die Auerbacher Firma "Heim & Haus" auf, die über 200 Menschen beschäftige. Bekanntlich zahlen IG-Metall-Mitglieder ein Prozent des Bruttolohns an die Gewerkschaft. Von der IGM-Verwaltungsstelle aus Frankfurt bekomme er regelmäßig Anrufe, ob der Auerbacher Betrieb denn so viele Teilzeitbeschäftigte habe. Das liege aber vielmehr daran, dass die Vollzeitbeschäftigten der Auerbacher Firma so wenig verdienen. Die Luitpoldhütte hingegen lobte Ott: "Dort spielt der Arbeitnehmer eine wichtige Rolle." Der 48-Jährige betont aber auch: "Es gibt ganz viel dazwischen."

Auch über den einst größten Betrieb in Sulzbach-Rosenberg spricht Ott: "Hätte die Maxhütte investiert, hätte sie menschenwürdige Arbeitsbedingungen schaffen können." Das sei aber nicht geschehen. Es sei bezeichnend, wenn sich eine ganze Region gegen die Stahlwerks-Verstaubung wehrt, so wie es damals der Fall war. Ein Besuch eines Stahlwerks im Ruhrgebiet und bei der Maxhütte sei wie eine Zeitreise gewesen. Vor allem vor diesem Hintergrund sagt Ott: "Man muss den Hut ziehen, was die Menschen unter diesen Bedingungen für eine tolle Arbeit geleistet haben." Der 48-Jährige spricht sogar von "Erpressung", wenn er über die damalige Situation in Sulzbach-Rosenberg redet: "Es hieß: Unter solchen Bedingungen oder gar keine Arbeit mehr."

"Das hat mit Angst zu tun"

Hätte Ott die Gelegenheit, von heute auf morgen etwas zu ändern, wüsste er auch schon genau für was er sich entscheiden würde: "Ich möchte, dass sich die Menschen für ihre Arbeitsbedingungen engagieren." Das sei oftmals nicht der Fall. "Das hat viel mit Angst zu tun, aber auch mit der Einstellung: 'Ich kann eh nichts ändern.'"
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