Arbeit am Wirtschaftswunder 2.0

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bei der Eröffnung der Cebit am Sonntagabend - flankiert von zwei mächtigen Männern: Chinas Vize-Ministerpräsident Ma Kai (links) und Jack Ma, Gründer und Chef des chinesischen Internetkonzerns Alibaba Group. Bild: dpa

Bald werden Milliarden Geräte von Industriemaschinen bis zur Zahnbürste online vernetzt. Die Auswertung der Daten bringt neue Geschäftsmodelle, die ganze Branchen umkrempeln können. Auf der Cebit bereitet sich die Wirtschaft darauf vor.

Die Digitalisierung der Wirtschaft sorgt für Hoffnung und Angst auf der weltgrößten Computermesse (16. bis 20. März). IT-Schwergewichte versprechen in Hannover das "digitale Wirtschaftswunder", warnen aber zugleich davor, dass deutsche Firmen abgehängt werden könnte. "Wer jetzt nicht die Weichen für die Zukunft stellt, ist schnell vom Markt verschwunden", mahnte der Präsident des Branchenverbands Bitkom, Dieter Kempf, am Sonntag zum Start der Cebit.

China als Partnerland

Es gehe um die Frage, ob Deutschland eine Führungsrolle als digitalisierter Industriestandort einnehmen oder das Feld agilen Ländern wie Südkorea, China oder die USA überlassen wolle, sagte Klaus von Rottkay, Mitglied der Geschäftsleitung von Microsoft Deutschland. "Wir können die Erfolgsgeschichte des Wirtschaftsstandorts Deutschland digital fortschreiben, wenn wir entschlossen die Voraussetzungen für ein digitales Wirtschaftswunder schaffen."

Bundeskanzlerin Angela Merkel warb zum Cebit-Start für einen engen Schulterschluss mit der aufstrebenden IT-Industrie in China - mahnte zugleich aber auch faire Spielregeln an. "Unternehmen und Investoren haben ein natürliches Interesse daran, dass sie wissen, in welchen Rahmenbedingungen sie arbeiten: Berechenbarkeit, Verlässlichkeit, Gleichbehandlung der verschiedenen Unternehmen in unseren Ländern", sagte die CDU-Politikerin zur Messe-Eröffnung. China ist das diesjährige Partnerland der CeBIT.

Netzbetreiber wie Deutsche Telekom und Vodafone wollen eine Schlüsselrolle als Dienstleister für die vernetzte Wirtschaft einnehmen. "Wir werden in den nächsten Jahren das industrielle Internet bauen und damit ein Tor für ganz neue Wertschöpfungsketten aufstoßen", sagte Vodafone-Deutschlandchef Jens Schulte-Bockum.

Die Telekom will alle Eckpunkte abdecken: Standards setzen, Plattformen bauen, Daten analysieren, Sicherheit bieten, Konnektivität über die Netze herstellen. Unter anderem soll es als Plattform für die vernetzte Technik eine "Cloud der Dinge" geben, sagte der Chef der Dienstleistungstochter T-Systems, Reinhard Clemens. Deutsche Unternehmen seien heute beim Maschinen- und Anlagenbau an vielen Stellen Weltmarktführer, sagte Clemens. Experten warnen aber schon lange, dass diese Führungsposition mit der voranschreitenden Digitalisierung infrage gestellt werden könnte.

"Zwei Geschwindigkeiten"

Der Analyse großer Datenmengen - "Big Data" - wird Kempf zufolge eine zentrale Rolle zukommen. Davon werde es abhängen, wie der digitale Wandel in der Produktion bewältigt werde, sagte er. Anders als bisher gehe es heute um die Auswertung vor allem von unstrukturierten Daten in Echtzeit. Bei der Verkehrssteuerung, dem autonomen Fahren und besonders im Gesundheitswesen werde die Analyse großer Datenmengen für enorme Fortschritte sorgen.

Zum CeBIT-Start hob der Bitkom seine Wachstumsprognosen für das laufende Jahr an. Der Umsatz wird in der Branche demnach um 1,5 statt 0,6 Prozent auf 155,5 Milliarden Euro wachsen. Laut IHK-Unternehmensbarometer erwarten in Deutschland derzeit 50 Prozent der Großunternehmen, aber nur 27 Prozent der mittelständischen Firmen durch Digitalisierung ihrer Prozesse Umsatzzuwächse. "Dieses Deutschland der zwei Geschwindigkeiten können wir uns auf Dauer nicht leisten", sagte Microsoft-Manager Rottkay.
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