Arbeitsmarkt von Weiden bis Pilsen

Bayerisch-böhmische Zukunft: Junge Bauzeichner der Europa-Berufsschule und der Baufachschule in Pilsen entwarfen Pavillons für das Landesgartenschaugelände in Tirschenreuth. Maximilian Aßmann (von links), Katerina Hermachova, Michaela Bartonová und Sissy Schaller präsentieren ihre Modelle. Bild: Huber

Zehn Jahre gemeinsam Anpacken: Im grenzüberschreitenden Projekt "Eures-T Bayern-Tschechien" gestalten Gewerkschaften, Arbeitsverwaltung, Kammern und Hochschulen den gemeinsamen Arbeitsmarkt. Die Geburtstagsfeier in Pilsen war zugleich Abschiedsfete für Präsident Helmut Fiedler.

Passt die Stimmung am Ende der erfolgreichen Amtszeit des DGB-Geschäftsführers mehr zu Beethovens "Ode an die Freude" oder zu Händels "Halleluja" aus dem "Messias"? Beide Stücke waren Teil des Festprogramms. "Nach zehn Jahren Hauptmanager des Projekts habe ich meine Schuldigkeit getan", findet Helmut Fiedler. "Das war keine unerhebliche Nebentätigkeit." Er habe das gern gemacht: "Weil er unserer Heimat genutzt hat." Man habe den Kreis der Akteure weiter gefasst", erklärt der Gewerkschafter, "die Kammern, Bildungsträger, die Universität Pilsen und die OTH Amberg-Weiden waren mit an Bord, weil sie die benötigten Fachkräfte ausbilden."

Die ersten Schritte seien mühsam gewesen. Mit dem ersten Projekt BoBaKom habe man ab 2005 vor allem Ängste auf beiden Seiten abgebaut: "Auf deutscher Seite befürchtete man, eine Horde Tschechen würde uns die Arbeitsplätze wegnehmen", vergleicht Fiedler die Positionen, "in Tschechien hatte man den Horror, deutsche Millionäre würden alle Firmen wegkaufen - was zum Teil auch gestimmt hat." In Seminaren und Broschüren habe man versucht, Fakten breit zu streuen. Inzwischen spielten solche Klischees kaum mehr eine Rolle. Vielmehr vermitteln Eures-Berater vor allem tschechische Facharbeiter nach Bayern. 2014 waren 24 000 Tschechen im bayerischen und sächsischen Grenzgebiet tätig - 16 000 in Bayern, davon 900 sozialversicherte Beschäftigte im Landkreis Tirschenreuth, rund 2000 in Weiden, die meisten mit über 3000 im Landkreis Cham.

"Etwa ein Drittel sind im verarbeitenden Gewerbe beschäftigt", sagt Fiedler, "in der Metall-, Elektro- und Autozuliefererindustrie." Ein knappes Drittel fülle die Leerstellen in Hotels und Gaststätten. Der Rest verteile sich über alle Branchen vom Arzt bis zur Zahnarzthelferin.

Sprechstunde in Pilsen

"Es gibt Sprechstunden deutscher Arbeitsamtsbediensteter in Pilsen", ergänzt Siegfried Bühner, ehemaliger Direktor der Arbeitsagentur Weiden. "Vierwöchentlich informieren Eures-Berater verschiedener Agenturen - von Weiden über Hof bis Schwandorf und Deggendorf - Interessenten in einem Büro im Pilsener Arbeitsamt."

Der Mitbegründer des Projektes ist beeindruckt, dass die Anwerbung von Spezialisten in Tschechien so leidenschaftslos hingenommen wird: "Die sagen uns, ihre Leute würden in Bayern wichtige Kenntnisse hinzulernen und kämen dann sowieso wieder zurück - die Landleute seien eben sehr heimatverbunden." Dass beide Seiten von dieser Symbiose profitieren, bestätigt auch Fiedler: "Tschechien hat längst erkannt, dass es nichts nützt, Billiglohnland zu bleiben - es gibt immer noch Billigere, wie das Beispiel einer Textilfirma in Písek zeigt." Dort habe man mit EU-Subventionen 3000 Arbeitsplätze geschaffen: Fünf Jahre später sei sie nach Weißrussland weitergewandert. "Man frotzelt, dass sie, wenn sie die Erde umrundet hat, hinten in Spanien wieder reinkommt." Tschechien sei einer der wichtigsten Handelspartner Bayerns und die Kaufkraft der Tschechen spiele im Grenzgebiet eine steigende Rolle.

Der umgekehrte Weg, dass Deutsche ihr Glück in Westböhmen suchten, bliebe die Ausnahme: "Das Verhältnis liegt bei 24 000 zu 500", vergleicht Fiedler die Dimensionen. Dennoch wisse er von fünf Bauarbeitern aus Sachsen, die auf böhmischen Baustellen ihr Geld verdienten: "Die Bezahlung am Bau ist ja auch bei uns nicht so berauschend."

Einfache Arbeiten seien in der Regel für Deutsche nicht rentabel. "Aber als Fachkraft, als CNC-Dreher etwa, kann man ganz anständig verdienen." Bei einem Ableger von Mercedes in Holesov betrüge schon der Mindestlohn für normale Arbeiter 1500 Euro brutto. "Ein Meister verdient dort auf deutschem Niveau." Was bleibt von Eures-T nach zehn Jahren - und was verändert sich, wenn künftig die Arbeitsagentur Nürnberg die Regie vom Weidener Gewerkschaftsfunktionär übernimmt? "Ich denke, wir haben in unzähligen Projekten viele kleine Schritte zur Vereinheitlichung des grenznahen Arbeitsmarktes beigetragen", fasst Helmut Fiedler zusammen. Ein Arbeitsmarkt-Monitor im Netz zeige etwa die offenen Stellen.

50 000 Leute erreicht

Grenzgänger-Broschüren informierten über das jeweilige Arbeitsrecht, steuerliche Aspekte und Krankenkassen. "Als Petr Arnican anfing, war er als Ansprechpartner eine große Hilfe", lobt Fiedler seinen wichtigsten Mitarbeiter. Vor allem aber verstehe der DGB-Mann sein Werk als Beitrag zur Völkerverständigung: "Man muss als Gewerkschaft den Anspruch haben, gesellschaftspolitisch zu denken." Das Zusammenwachsen habe Konflikte verhindert. Man kann heute mit den Pendants drüben sehr offen über alles diskutieren, weil man sich kenne. "Im Laufe der letzten Jahre haben wir 50 000 Leute erreicht, die wir beraten konnten."

Was aus der Region weggehe, sei nur das Präsidentenamt. "Ein bisschen ein Handicap ist das schon, wenn man nicht mehr vor Ort ist", gibt Fiedler zu. "Auf der anderen Seite geht zwar die Hintergrundsteuerung von Prag und Nürnberg aus, die eigentliche Arbeit und zumindest teilweise auch Petr Arnican aber bleiben vor Ort - in Pilsen, Karlsbad, Deggendorf und Weiden." Und auch der Ton hat sich etwas geändert - den gibt zum Schluss der Veranstaltung Tschechiens Nationalkomponist Smetana mit der "Moladau" an.
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