Beim Rückenyoga gelten ganz spezielle Regeln
Ohne Biegen und Brechen

Die Vorbeuge im Stand folgt als Ausgleich auf die Rückenpower-Übung. Bild: hfz
Sieben Schüler strecken ihren Po weit nach hinten. Dabei knicken sie ihre Knie leicht ein und breiten die Arme zu den Seiten aus. Jetzt halten! Die Übung stärkt die Muskeln - und beugt die Lendenwirbelsäule nach vorne. Denn durch ständiges Sitzen kennt diese Körperpartie häufig nur noch eine Haltung: rund nach hinten gebogen. Und das verursacht bei vielen Rückenschmerzen. Hier will Markus Daniel ansetzen. Er ist Rückenyogalehrer in Berlin.

Mit dem speziellen Yoga will Daniel vor allem die Neutralstellung der Wirbelsäule - die doppelte S-Form - stärken. "Das Problem ist, dass wir immer mehr aus dieser neutralen Stellung rauskommen durch unsere sitzende Tätigkeit", erklärt er. Viele der Übungen zielen deshalb darauf ab, die Schüler wieder in die Lordose - die natürliche Vorwärtskrümmung der Wirbelsäule - im Lendenbereich hineinzubringen.

"Rückenyoga": Kurse mit genau dieser Bezeichnung sind ein relativ neues Phänomen. Die Übungen, derer es sich bedient, sind es aber nicht. "Es ist eine Kombination aus den besten Übungen für den Rücken aus verschiedenen Konzepten", erklärt Gertrud Hirschi, die ein Buch darüber geschrieben hat. Zum einen stammen sie aus dem Yoga, zum anderen aus Rückengymnastik und -therapie, Feldenkrais und Qigong. Woraus sich der Kurs im Einzelfall bedient, kann variieren. Über einige Grundsätze ist man sich aber einig: Die Übungen sind sanft, ein Stauchen der Wirbelsäule wird vermieden. Daher fallen einige Yogaübungen wie die Sphinx oder das Kamel auch weg. In diesen Positionen seien die Bänder schlaff, die Wirbel sackten zusammen, sagt Hirschi. Das ist auch schlecht für Bandscheiben: "Dann ist der Vorfall begünstigt."

Das Wichtigste ist laut Daniel, ganz genau auf den Körper zu hören: Sagt er Stopp, dann heißt das auch, sofort aufzuhören. "Es wird niemals in einen Schmerz hineingearbeitet", sagt Michael Preibsch vom Deutschen Verband für Physiotherapie (ZVK). Rückenyoga solle immer dort ansetzen, wo eine Übung problemlos ausgeführt werden könne.

Auf die sanfte Art

Der Orthopäde Christoph Eichhorn sieht im Dehnen das, was Yoga im Allgemeinen und Rückenyoga im Speziellen ausmacht. "Für mich sind Yogaübungen Dehnübungen", sagt der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Orthopäden- und Unfallchirurgen-Verbands. Prinzipiell stehe Patienten mit Rückenbeschwerden daher nichts entgegen, einen Rückenyoga-Kurs zu besuchen. "Dehnungsübungen sind erst mal nicht gefährlich, wenn sie keine Bein- und Armschmerzen nach sich ziehen." Außerdem liege die Ursache von Rückenschmerzen am häufigsten in verkürzten Muskeln mit Verhärtungen - dann hätten die Dehnübungen durchaus einen positiven Effekt. Ein Warnsignal, dass diese Bewegungen nicht gut tun, sind laut Eichhorn häufige Schmerzen nach dem Kurs. Bei einer anderen häufigen Ursache von Rückenschmerzen könne Rückenyoga allerdings nicht helfen, sagt Eichhorn: bei geschwächter tiefer Rückenstreckmuskulatur. Die könne man nur mit einem Spezialtraining an Geräten aufbauen.

Stressbewältigung

Für Daniel kann Rückenyoga aber sehr wohl zum Kraftaufbau beitragen. Neben der Rückbewegung zur neutralen Stellung der Wirbelsäule sei die Stärkung der Rumpfstabilität deshalb auch die wichtigste Aufgabe. Denn in der Lendengegend sei die Wirbelsäule stark auf die stützenden Muskeln angewiesen. Und auch bei einer dritten Ursache von Rückenschmerzen kann Yoga helfen: Stress. "Stressbewältigung spielt eine große Rolle beim Rückenyoga, da viele Menschen Lebensdruck, dem sie ausgesetzt sind, somatisieren", erklärt Preibsch. Das heißt: Psychische Belastungen äußern sich in Form Rückenschmerzen. Entspannungsübungen sind daher wichtiger Bestandteil der Kurse.

Man muss sich natürlich darauf einlassen können. "Man muss schon grundsätzlich Interesse daran haben, mal wieder zu sich zu kommen", sagt Daniel. Leute, die sich 90 Minuten nur auspowern möchten, würde er eher ins Fitnessstudio schicken. Der Rückenyogalehrer hat für sich selbst schon Besserung durch die speziellen Übungen erfahren. Seine Rückenschmerzen, die ihn überhaupt erst zum Rückenyoga führten, seien weniger geworden, erzählt er. Ganz verschwunden seien sie aber nicht.
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