Chinas Märkte im freien Fall

Chinas Aktienmärkte rauschen derzeit ungebremst in die Tiefe. Aus dem wirtschaftlichen Problem könnte schnell ein politisches werden. Bild: dpa

Die Aufregung um die Griechenland-Krise verdeckt den Blick auf den Börsenkrach in China. Doch die Schockwellen aus dem Reich der Mitte sind bis nach Frankfurt zu spüren - und die Kurse sind weiter auf Talfahrt.

So tief sind Chinas Börsen seit der großen Krise vor sieben Jahren nicht abgestürzt. Und ein Ende der Talfahrt ist vorerst nicht in Sicht. Weil die Krise um Griechenland seit Wochen die Welt in ihren Bann gezogen hat, wurde der dramatische Einbruch an den Aktienmärkten in China bisher wenig wahrgenommen.

Zumindest bis jetzt. Denn die Schockwellen sind inzwischen weltweit zu spüren - selbst am Frankfurter Aktienmarkt. Die asiatischen Börsen geraten unter Druck: In Hongkong stürzte der Aktienindex so stark ab wie seit der globalen Finanzkrise 2008 nicht. In vielen Ländern fallen die Kurse von Unternehmen, die vom China-Geschäft abhängen. Im Reich der Mitte selbst haben die Einbrüche in fast vier Wochen zwei bis drei Billionen Euro an Kapital vernichtet - rund zehnmal so viel wie Griechenlands Wirtschaftsleistung in einem Jahr. Seit ihrem Höhepunkt am 12. Juni haben die Märkte in Shanghai und Shenzhen rund ein Drittel an Wert eingebüßt.

Keine Stabilisierung

Fachleute sind zunehmend besorgt. "Wenn die Stabilisierungsmaßnahmen der chinesischen Regierung nicht fruchten und das Vertrauen der Anleger schwindet, könnte das die chinesische Wirtschaft so stark belasten, dass dies für die globalen Konjunkturaussichten zu einer Bedrohung wird", warnt der Analyst Andreas Paciorek von CMC Markets.

Nicht wenige Experten raten aber von staatlichen Eingriffen ab. "Es kann den Markt vielleicht vorübergehend stabilisieren, aber langfristig wirkt es nicht", sagte der Pekinger Wirtschaftsprofessor Hu Xingdou. Planwirtschaftliche Methoden taugten nicht zur Korrektur. "Wir sollten die Marktkräfte respektieren." Die australische ANZ-Bank mahnt, dass alle Rettungsversuche "nur Schaden anrichten" werden. "Es wird noch mehr Leute ermutigen, auf Kosten der Steuerzahler und öffentlichen Kassen Risiken einzugehen." Investoren müssten lernen, Gefahren einzuschätzen, statt auf "Too big to fail" (so groß, dass es gerettet werden muss, weil es sonst alles in den Abgrund ziehen würde) zu setzen.

Präsident Xi Jinping beschwört sonst gern die Marktkräfte als Allheilmittel - doch die Regierung hat seit der globalen Finanzkrise 2008 nicht mehr so massiv an den Börsen eingegriffen. Der Leitzins wurde gesenkt, die Transaktionsgebühren oder Hindernisse für kreditfinanzierte Aktienkäufe reduziert. Selbst die Zentralbank macht mobil: Mit Hunderten Milliarden Yuan soll der Kauf von Aktien jetzt finanziert werden. Doch gehen die Interventionen ins Leere. "Der Parteistaat verliert den Kampf gegen die Märkte", sagt Sandra Hepp vom China-Institut Merics in Berlin. "Das Vertrauen der Bevölkerung ist zutiefst erschüttert." Betroffen sind besonders viele Kleinanleger - vom Friseur bis hin zur Putzfrau; alle, die sich vom jüngsten Goldrausch haben anstecken lassen. Jetzt warten sie auf den weißen Ritter aus Peking - den allmächtigen Staat, der immer schon alles geregelt hat. "Die Glaubwürdigkeit der Kommunistischen Partei ist in Gefahr."

Auch die Wirtschaftsreformen sind bedroht. Die Verluste der Privatanleger schwächen die heimische Nachfrage, die Börsenkrise bremst die Liberalisierung des Finanzsystems. Kleine Firmen werden geschwächt, der Staatssektor dominiert. Werde Chinas Nachfrage nach Importgütern geschwächt, wäre auch die deutsche Wirtschaft "empfindlich getroffen", warnt Merics-Expertin Hepp vor den Folgen.

Glaube an Regierung

Der Aktienmarkt sei von der Realwirtschaft "geschieden", sagt Professor He Xiaoyu von der Universität für Wirtschaft und Finanzen: "Das Problem sind die großen Investoren, die nicht rational kaufen oder verkaufen." Sie glaubten, dass sie nur der Partei folgen müssten - und wenn es dann ein Problem gebe, werde die Regierung schon helfen.
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