Daimler und VW bürsten auf Angriff - Entscheidende Duelle in zwei Gewichtsklassen
Blinker setzen und aufs Gas

Neue TGX-Laster am Messestand von MAN. VW hat sich bei den schweren Fahrzeugen breit aufgestellt und greift Daimler an. Bild: dpa
Mit nüchternem Blick auf die Verkaufszahlen ist es noch lange kein Duell auf Augenhöhe. Der Lkw-Weltmarktführer Daimler zählte in der Klasse über sechs Tonnen zuletzt doppelt so viele Zulassungen wie der VW-Konzern mit seinen Töchtern MAN und Scania. Und dennoch: Die Niedersachsen haben eine Kampfansage gemacht - und mit Andreas Renschler Daimlers früheren Truck-Chef zu sich gelotst.

In gut vier Monaten übernimmt er in Wolfsburg das Ruder der dortigen Nutzfahrzeugallianz - mit der Mission, seinen neuen Arbeitgeber am alten vorbeizuführen. Der Krieg der Worte ist schon voll entbrannt. Zum Start der Branchenmesse IAA konterte Daimlers neuer Lkw-Chef Wolfgang Bernhard Volkswagens Ambitionen auf den Thron der Brummi-Branche mit einer deutlichen Ansage: "Wir wollen unsere Branche anführen - technologisch und wirtschaftlich", stellt er klar. Daimlers oberster Chef legte nach. Dieter Zetsche gab in der Zeitung "Die Welt" unter der Überschrift "Wir sind auf Angriff gebürstet" zu Protokoll, die Wolfsburger hätten die sechste Generation ihres legendären Bulli, den Transporter, "nach dem Produktionsstart der neuen V-Klasse hinausgezögert". Mit der V-Klasse meinte Zetsche den neuen T6-Konkurrenten aus dem Hause Daimler.

Crafter in Eigenregie

Auch eine Gewichtsklasse höher stehen die Zeichen auf Zweikampf: Noch läuft der VW-Crafter bei Daimler von den Bändern und ist quasi baugleich mit dem Mercedes-Sprinter. Doch die nächste Generation entwickelt und baut VW auf eigene Faust - zu attraktiv ist das Segment, um es in Auftragsfertigung der Konkurrenz zu überlassen. Daimler betont, man brauche die Crafter-Kapazitäten, um der Nachfrage nach Sprintern nachzukommen. Neben dem etablierten Branchenriesen Daimler wächst ein selbstbewusster Wettbewerber heran - der sich die Lkw-Kompetenz im Wesentlichen aber zugekauft hat. Für MAN und Scania gab der Brummi-Emporkömmling Milliarden aus. Und eine Art Zukauf ist auch die Verpflichtung von Daimlers Truck-Veteran Renschler. Er soll laut Winterkorn "unser Nutzfahrzeuggeschäft an die Spitze der Branche" führen.

Da steht aber noch Daimler. Und einen Trumpf, um diesen Platz zu verteidigen, fuhr Bernhard bei der IAA selbst auf die Bühne: Betont lässig, ohne Sakko und Krawatte, saß er am Steuer von Daimlers "Future Truck 2025" - die Hände demonstrativ verschränkt, denn das Vorzeigeprojekt kann dank Autopilot ohne Zutun des Truckers fahren. Applaus gab es nicht nur von Daimlers Gästen - sondern hinter vorgehaltener Hand sogar Lob von der Konkurrenz: "Da haben sie echt gut vorgelegt", sagt ein VW-Mann. Denn deren IAA-Studie ist nur ein VW-Pritschenwagen mit eingebauter Espressomaschine - und kann so schwerlich gegen den Mercedes-Brummi mit Autopilot gegenhalten. Doch wichtiger als der Pritschenwagen dürfte ohnehin die engere Zusammenarbeit von MAN und Scania sein. Und da konnte VW pünktlich zur IAA punkten: Von 2016 an sollen MAN-Lastwagen mit Getrieben der schwedischen Schwester ausgerüstet werden. Bis zu 500 Millionen Euro soll das laut Insidern sparen. Doch überall mit einer Sprache sprechen die zwei stolzen und eigenständigen Marken auch unter dem gemeinsamen VW-Konzerndach noch nicht: Die wichtige Getriebesoftware entwickelt jeder vorerst weiter für sich. Und so kommt die größte Wolfsburger Kampfansage zur IAA doch von den leichteren Nutzfahrzeugen: Der Bulli-Urenkel T6 soll ab 2015 gegen die junge Mercedes-V-Klasse antreten. Das nächste Duell steht ein Jahr später an: 2016 tritt der VW-eigene Crafter gegen den Sprinter an.
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