Das Bürgerrecht auf ein mulmiges Gefühl

Zum Artikel "Lernen nur für die Schule?" vom 15. Januar und zum Thema Flüchtlinge in Deutschland schreibt ein Leser:

Der Kölner Schülerin kann ich zu 80 Prozent zustimmen. Eine allgemeinbildende Schule wie das Gymnasium muss die Schüler auch mit Lebensbereichen konfrontieren, für die sie im späteren Leben keine Zeit mehr haben werden, wie höhere Mathematik, Latein, Literatur, Musik und Bildende Kunst. Das aber darf nicht dazu führen, dass unsere Schulen die lebenswichtigsten Bereiche wie Wirtschaft, Recht, und Alltagsfragen wie Versicherungen, Steuern und Miete völlig ausblenden.

Aber sogar eine vermeintlich tote Sprache wie Latein könnte den Schülern lebensnah präsentiert werden, denn Italienisch, Spanisch und Portugiesisch (nicht so sehr Französisch) können ohne Übertreibung als Mundarten des Lateins voll in den Lateinunterricht eingebaut werden. Es gibt auch keinen Grund, warum unsere Lehrplanmacher nicht schon längst auch die Grundbegriffe des medizinischen Lateins in den Lehrplan eingebaut haben, die sich als eine dringende Notwendigkeit erweisen, wenn man ins Ausland reist und krank wird.

Während meines Studiums in Großbritannien fiel mir 1969/70 dort auch die weitaus weniger verbissene, weniger formalistische, zeitraubende und nervtötende Weise auf, mit der Lehrer bei uns die Schüler zu verprellen verdonnert sind ("Wie ist das Gedicht aufgebaut? Welches Versmuster erkennst du?"). Ich weiß, wovon ich rede - ich war bis 2010 selbst Gymnasiallehrer für Englisch und Latein. Auf die fast völlig nutzlose und weltfremde Ausbildung, die wir als Studenten und Referendare durchlaufen mussten, will ich hier nicht eingehen.

Nachdenklich macht mich auch die neueste Entwicklung nach den Morden an den französischen Karikaturisten. Jetzt werden Stimmen laut, die nun reflexartig den Blasphemieparagraphen 166 abschaffen wollen, damit in Zukunft "Titanic" weiterhin derart ekelerregende Photomontagen vom Papst auf der Titelseite bringen darf wie vor drei Jahren. Hier bin ich der Meinung, dass die Empörung über die Morde an den französischen Karikaturisten jetzt nicht zu einem europaweiten Freibrief für geschmacklose Beleidigungen an religiösen Inhalten führen darf, weder am Christentum, noch am Islam, der doch, wie wir ja ständig von unserer Obrigkeit belehrt werden, "zu Deutschland gehört".

Ich habe persönlich mit Muslimen in Deutschland beruflich wie privat nur gute Erfahrungen gemacht, und ich begrüße es, wenn religiöse, muslimische Mädchen Kopftücher tragen. Sie signalisieren damit unseren "christlich" oder atheistisch aufgewachsenen jungen Burschen. Aber auch ich bekomme eine Gänsehaut, wenn ich nach München komme und die vielen schwarzen Gespenster im Straßenbild sehe, deren Sehschlitze sogar durch Textilgitter verschleiert sind.

Haben wir nicht aus gutem Grund ein Vermummungsverbot in Deutschland? Warum gilt das für arabische Touristinnen nicht? Es ist ein ermutigendes Zeichen, dass sich die führenden Muslime in Deutschland endlich in so massiver Form vom Terror distanziert haben. Das war eine Bringschuld, die schon jahrelang fällig war. Aber nun können wir endlich auch einmal Rechenschaft erwarten, warum der Terror überall auf der Welt in den letzten 20 Jahren ausschließlich von Menschen mit muslimischem Hintergrund ausgeübt worden ist, nicht nur in New York, sondern vorher schon in Nairobi, in den 90er Jahren auf deutsche Touristen in Luxor und Kairo, 2002 auf deutsche und französische Touristen in Tunesien. Rechenschaft können wir auch erwarten, warum seit einigen Jahren überall in der muslimischen Welt, nicht nur in Nigeria, sondern auch in Ägypten, Syrien und im Irak Christen verfolgt werden und Kirchen brennen, wo doch solche Praktiken nicht zum Islam gehören.

Solange wir darauf keine Antwort bekommen, bestehe ich auf meinem Bürgerrecht, ein mulmiges Gefühl zu haben. Und die Angst unserer Bürger vor den unschuldigen Flüchtlingen, die unsere Hilfe benötigen, wird zunehmen.

Roland Gröger, Neustadt/WN
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