Der Hunger des russischen Bären

Ein Leser schreibt zum Ukraine-Konflikt:

Nicht der Westen zwingt die ehemaligen Teilrepubliken des Ostens zu sich, sondern diese wenden sich von sich aus uns zu. Die leidvolle lange Geschichte mit Moskau haben diese Staaten am eigenen Leib erlebt, und sie haben Angst vor wiedererwachten Expansionsgelüsten.

Darum suchen sie Schutz im Westen. Soll man ihnen die Tür vor der Nase zuschlagen? Soll man das Selbstbestimmungsrecht der Völker hier negieren, bloß weil es Russland nicht in den Kram passt? Vielleicht können die Staaten in dessen unmittelbarer Nachbarschaft ja besser den Hunger des russischen Bären einschätzen als mancher anglophober Putin-Versteher im Westen? Die europäischen Staaten hatten seit Ende des Zweiten Weltkrieges nie Expansionsdrang nach Osten, die UdSSR aber sehr wohl nach Westen. Im Westen Europas gibt es mehr oder minder gut funktionierende Demokratien, die nicht an Kriegen interessiert sind. In Russland herrscht eine Putinktatur, die keinerlei Kontrolle unterworfen ist in einem Land, dessen Bevölkerung kaum Erfahrung mit Demokratie hat.

Wenn sich also viele ehemalige Teilrepubliken der UdSSR nun von Russland abwenden, dann kann sich entweder Russland fragen: "Was hab ich falsch gemacht, dass mich keiner mehr mag? Wohin muss ich mein Verhalten nach außen ändern, um Vorbehalte gegen mich abzubauen?" Oder es kann sich beleidigt fühlen und Militär aufmarschieren lassen. Welche Verhaltensweise ist im friedlichen Dialog der Völker wohl angebracht?

Es hat seitens des Westens genügend Versuche gegeben, "normale" und friedliche Beziehungen zu Russland aufzubauen, aber ab einem gewissen Zeitpunkt ist Russland von sich aus auf Distanz gegangen. Dass die Cowboys aus Übersee sich manchmal auf der politischen Bühne benehmen wie der Elefant im Porzellanladen, ist bekannt. Dass die besonnenen Europäer (und die sind Russland viel näher) hier immer schon das ausgleichende Gegengewicht sind, wissen die Russen jedoch genauso. Also warum auf einmal diese territoriale Expansionspolitik? Russland hätte sie nicht nötig, Putin offensichtlich schon. Warum? Und wie gehen wir damit um?

Verhandeln und Lösungen suchen: Ja. Appeasement-Politik: Nein. Andererseits sollten wir einen Blick in unsere Kasernen werfen, ob wir überhaupt in der Lage wären, uns im schlimmsten Fall der Fälle überhaupt nennenswert zu verteidigen. Ich fürchte, das Abschreckungspatt ist uns auf konventioneller Ebene abhandengekommen.

Michael Bartl, 92280 Kastl
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