Der Islam muss sich selbst helfen

Über den Dschihad und die Lehren des Koran schreibt ein Leser:

Wer sich gründlicher mit dem Koran auseinandergesetzt hat, wird wohl Ali Ahmed Said Esber (bekannt unter dem Künstlernamen Adonis; Anm. der Red.), dem zurzeit wohl bedeutendsten Dichter in arabischer Sprache, nicht widersprechen, der in einem Interview mit der Wochenzeitung "Die Zeit" (11. Dezember 2014, Seite 49) meinte: "Die Fundamentalisten lesen den Koran so, dass er zum Islamischen Staat führt. Andere lesen ihn anders. Den Islam als solchen gibt es überhaupt nicht. (...) Im Namen des Islam kann man einen Islamischen Staat gründen oder bekämpfen." Said Esber weiß, wovon er spricht, denn er ist als Sohn eines Imam 1930 in Syrien geboren worden, ist dort aufgewachsen, lehrte viele Jahre an der Beiruter Uni und lebt jetzt in Paris.

Es ist allgemein bekannt, dass es im Koran Suren gibt, die zu großer Toleranz und einer Humanität fast im Sinne der Bergpredigt aufrufen, dass aber oft unmittelbar daneben Verse voller Diskriminierung und Aggressivität stehen.

Aus vielen möglichen Beispielen soll hier nur eines angeführt werden: In Sure 5, 32 heißt es: "Wer eine Seele ermordet, (...) soll sein wie einer, der die ganze Menschheit ermordet hat. Und wer einen am Leben erhält, soll sein, als hätte er die ganze Menschheit am Leben erhalten." Doch schon wenige Zeilen später (Sure 5, 33) folgt: "Siehe, der Lohn derer, welche Allah und seinen Gesandten befehden (...), ist, dass sie getötet oder gekreuzigt oder an Händen und Füßen wechselseitig verstümmelt oder aus dem Lande vertrieben werden."

Wie konnte es dazu kommen? Alle Religionen dieser Welt haben immer auch eine sehr irdische Geschichte; sie sind nicht einfach als göttliche Offenbarungen "vom Himmel gefallen". Warum soll das ausgerechnet für den Islam nicht gelten? Westliche Islamwissenschaftler sind der Überzeugung, dass der Koran eine fast 200-jährige Entstehungsgeschichte hat, dabei von vielen umgebenden Religionen und Kulturen, aber auch von den Interessen der jeweiligen Machthaber beeinflusst worden ist.

Die vielen Probleme, die der Islam mit sich selbst und die Welt mit ihm hat, würden sich fast von selbst lösen, wenn die islamische Theologie sich zu einer vernunftgeleiteten, historisch-kritischen Auslegung des Korans, der Biografie Mohammeds und der Sunna (Aussprüche Mohammeds) durchringen könnte. Es wäre dann möglich, die zeitbedingten Einflüsse des 7. bis 9. Jahrhunderts vom zeitlos gültigen spirituellen Kern des Korans zu trennen.

Der Islam als Religion würde nur gewinnen. Dann bräuchte er nicht mehr auf seinem Überlegenheitsanspruch zu beharren und müsste auch nicht mehr die Menschheit in Gläubige (Muslime) und Ungläubige (Rest der Welt) einteilen, sondern könnte alle Andersgläubigen (einschließlich der Atheisten) als gleichberechtigte Mitbürger akzeptieren. Vor allem die muslimisch dominierten Staaten könnten so unendlich viel zum Weltfrieden beitragen.

Dr. Rudolf Roßkopf92245 Kümmersbruck
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