Der Segen der Ausmalbücher
Unverhoffter Boom für Stifte-Hersteller

Wegen des derzeitigen Ausmaltrends unter Erwachsenen werden in den Werken der drei Stifte-Hersteller in Mittelfranken Sonderschichten gefahren. Bild: dpa

Eigentlich plagen die Stifte-Hersteller Sorgen über die zunehmende Digitalisierung: Immer weniger wird per Hand mit Stift auf Papier geschrieben. Doch jetzt verzeichnen Faber-Castell, Stabilo und Co. unverhofft große Nachfrage.

Nürnberg. Ausmalbücher für Erwachsene erobern die Bestsellerlisten weltweit - und lassen die Maschinen der Stifte-Hersteller in Deutschland heiß laufen. Die größtenteils in Mittelfranken ansässigen Firmen fahren derzeit allesamt Sonderschichten und freuen sich über den unverhofften Boom. "Wir merken das bei klassischen Schreibgeräten und Künstlerprodukten", sagt eine Sprecherin des Stifte-Herstellers Staedtler in Nürnberg.

Schnelles Erfolgserlebnis


Die Käufer seien weniger Hobbykünstler, sondern eher Mal- und Zeichenanfänger, die ihre Kunstwerke anschließend auch gern auf Instagram zeigen. Beim Ausmalen vorgegebener Muster in entsprechenden Büchern, die sich weltweit derzeit millionenfach verkaufen, sei die Frustrationsrate gering, erklärt die Sprecherin. "Die Leute fangen nicht auf einem weißen Blatt Papier an und das Ergebnis ist immer schön, sie können es nicht verhunzen." Das schnelle Erfolgserlebnis wertet man bei Staedtler mit als Grund dafür, dass nun auch "Normalos" das Malen für sich entdecken - und die Nachfrage nach Stiften enorm in die Höhe schnellen lassen. Beim Ausmalen der Motive komme außerdem der Geist zur Ruhe - so Experten. Der Vorteil beim Ausmalen liege darin, dass man sich ablenke und zerstreue und deshalb möglicherweise keine unangenehmen inneren Bilder aufsteigen.

Der Hersteller Schwan-Stabilo aus Heroldsberg nahe Nürnberg hat den Trend frühzeitig erkannt und erfolgreich vermarktet. Bereits im Oktober präsentierte das Unternehmen am Rande der Bilanzveröffentlichung stolz eine geschickte Kooperation mit dem Buchverlag "ArsEdition": Zum Ausmalbuch "Kreative Auszeit" für Erwachsene gibt es 15 Filzstifte gleich im Set dazu. Das Segment Malen und Zeichnen entwickelt sich bei Stabilo (Umsatz 2014/15: 170 Millionen Euro) nach eigenen Angaben derzeit "überdurchschnittlich".

Auch Staedtler konnte seinen Umsatz im vergangenen Jahr um 14 Prozent auf 322 Millionen Euro steigern. "Adult-Colouring ist ein wesentlicher Treiber für unseren Umsatz", sagt Geschäftsführer Axel Marx. "In Zeiten der Digitalisierung ist das schon bemerkenswert", kommentiert er.

Wie bei Stabilo, Staedtler oder auch dem Hersteller Lyra werden deshalb auch bei Faber-Castell (Umsatz 2014/2015: 577 Millionen Euro) nahe Fürth derzeit mehr Schichten gefahren als üblich. Bei Lyra und Staedtler in Nürnberg gibt es bereits Pläne, die Produktion auszuweiten. "Derzeit sind wir am Limit", sagt eine Staedtler-Sprecherin. Momentan werde rund um die Uhr sechs Tage die Woche produziert. Den Bedarf auch weiterhin decken zu können sei eine "kleine Herausforderung".

Digitalisierung


Der Buntstift-Ansturm kommt für die Branche recht unverhofft. Die Hersteller beschäftigen sich seit Jahren mit den Herausforderungen der zunehmenden Digitalisierung: Wenn immer weniger Menschen mit der Hand schreiben, werden dafür auch weniger Stifte benötigt. Deshalb wurde zuletzt vermehrt auch an digitalen Produkten getüftelt. Stabilo präsentierte beispielsweise den Prototypen eines digitalen Stifts, der Handschrift auf Papier direkt in Reinschrift auf Smartphones oder Tablets umwandelt. Ein Digitalkuli von Staedtler speichert handschriftliche Skizzen und wandelt sie in Bilddateien für Digitalgeräte um. Dazu kommen Schreib-Lern-Apps.

Doch die klassischen Buntstifte sind keinesfalls abgeschrieben: "Wahrscheinlich wollen die Menschen jetzt eine Gegenbewegung zur Digitalisierung und auch selbst mit den eigenen Händen etwas schaffen", mutmaßt man bei Staedtler.

Zum Artikel: Ausmalbücher für Erwachsene voll im Trend
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