Die Geduld entgleist

Ein Anblick, der sich die kommenden Tage noch häufiger bieten wird: Reisende sitzen resigniert vor einem Bahnhof. Aber nicht nur Fahrgäste, sondern auch Wirtschaft und Politik verlieren langsam die Geduld. Bild: dpa

Der Streik der Lokführer trifft nicht nur Pendler. Auch Unternehmer schlagen die Hände über dem Kopf zusammen. Doch angesichts der Länge des Ausstandes fehlen Erfahrungswerte über die langfristigen Folgen. Auch aus der Politik kommt deutliche Kritik.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) appellierte am Mittwoch an das Verantwortungsbewusstsein aller Beteiligten: "Es gibt eine Gesamtverantwortung", sagte sie. Merkel betonte, es müssten Lösungen gefunden werden, "die auch für uns als Land einen möglichst geringen Schaden haben".

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) forderte die Deutsche Bahn sogar auf, gegen den Streik wegen Unverhältnismäßigkeit vor Gericht zu ziehen.

Audi und VW reagieren

Wirtschaftsverbände zeigten sich besorgt über die kurz- und langfristigen Auswirkungen. "Was derzeit bei der Bahn passiert, ist Gift für den Standort Deutschland," sagte der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Achim Dercks. Streiks im Güterverkehr führten bereits nach wenigen Tagen zu Produktionsstörungen, weil Bahntransporte oft nicht kurzfristig auf Straßen oder Schiffe verlagert werden könnten.

Der Autobauer Audi etwa verlegt wegen des Streiks Transporte von der Schiene auf die Straße. "Einzelne wichtige Lieferungen versuchen wir schon jetzt von der Bahn umzuleiten, zum Beispiel auf Lastwagen", sagte ein Sprecher in Ingolstadt. Der Konzern wolle je nach Verlauf und Bedarf entscheiden, ob noch mehr Verlagerungen nötig sind.

Europas größter Autobauer Volkswagen stellt sich darauf ein, dass seine Produktionsbänder trotz des Streiks im Güterverkehr laufen. Ein Konzernsprecher sagte: "Wir beobachten die weitere Entwicklung sehr aufmerksam. Unser Ziel ist es, die Produktion an unseren Standorten aufrecht zu erhalten."

Laut dem Statistischen Bundesamt entfielen nach den jüngsten Zahlen für das Jahr 2012 rund 71 Prozent der gesamten Transportleistung in Deutschland auf die Straße. Der Güterverkehr mit Eisenbahnen kam immerhin auf rund 17 Prozent.

Kritik an Weselsky

Die Lokführergewerkschaft GDL stößt mit ihrer Streikpolitik zusehends auch im Gewerkschaftslager auf Widerspruch oder offene Kritik. Der Bayerische Beamtenbund (BBB) ging am Mittwoch deutlich auf Distanz, Bayerns DGB attackierte sogar mit deutlichen Worten die GDL-Spitze. DGB-Landeschef Matthias Jena ging GDL-Chef Claus Weselsky frontal an. Im Bayerischen Rundfunk sagte er, Weselsky betreibe ein egoistisches Machtspielchen auf dem Rücken von Millionen Bahnkunden.

BBB-Chef Rolf Habermann sagte: "Ich verstehe jeden, der hier die Solidarität in Frage stellt! Und auch im Beamtenbund selbst rumort es." Ohne Weselsky beim Namen zu nennen, sagte er: "Hier schießen Einzelne übers Ziel hinaus" - "und zwar aus allen Lagern".

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