Digitalisierung in der kriminellen Szene
Verbrechen 4.0

Den Sicherheitsbehörden Sorge machen vor allem befürchtete Angriffe auf wichtige Infrastruktureinrichtungen wie Stromnetze, Krankenhäuser oder Behörden. Bild: dpa

Verbrecherbanden sind oft Unternehmen mit einem kriminellen Geschäftsmodell. Die Unterwelt macht sich die Digitalisierung ebenso zunutze wie die legale Wirtschaft - in Teilbereichen mit großem Erfolg. Die Sicherheitsbehörden sind zunehmend besorgt.

München. Verbrecherbanden veröffentlichen weder Konzernbilanzen noch Mitarbeiterzahlen. Und PR-Abteilungen brauchen sie erst recht nicht, denn Verschwiegenheit ist oberstes Gebot. Doch in einer Hinsicht unterscheidet sich die Unterwelt gar nicht so sehr von der legalen Wirtschaft: Die Digitalisierung zieht einen Strukturwandel nach sich. Den Sicherheitsbehörden Sorge machen vor allem befürchtete Angriffe auf die sogenannte kritische Infrastruktur, im Behördenjargon "Kritis" genannt: das Stromnetz, Krankenhäuser, Behörden und andere Bereiche, die für das Funktionieren einer modernen Gesellschaft unerlässlich sind.

Zunehmende Kooperation


Die Sicherheitsbehörden beobachten vor allem einen Trend mit großem Unbehagen: In der Vergangenheit getrennt arbeitende Bereiche der Schattenwelt kooperieren zunehmend. "Nachrichtendienste verwenden Software aus dem kriminellem Untergrund zur Nachrichtenbeschaffung und für elektronische Angriffe. Das gab es früher so nicht", sagt Michael George, Leiter des Cyber-Allianz-Zentrums des bayerischen Verfassungsschutzes. So gehen viele Fachleute davon aus, dass sich Russlands Spione der Dienste von Software-Profis bedienen. "Die Cybercrime-Szene ist eine Industrie mit einer sehr starken Arbeitsteilung geworden", sagt Udo Schneider von Trend Micro, einem auf Cyber-Sicherheit spezialisierten großen japanischen Softwarehersteller. "Auf der einen Seite haben Sie die Ingenieure, die die Schadsoftware schreiben, aber nicht selbst anwenden. Das können - speziell in Osteuropa - legitime Firmen sein", sagt Schneider. "Das Programmieren von Schadsoftware ist zunächst einmal nicht strafbar. Die eigentlichen Cyber-Kriminellen, die das große Geld verdienen, sind weit weg von der technischen Seite."

Zudem verschwimmen ebenso wie im legalen Wirtschaftsleben die Grenzen zwischen analog und digital. Abgesehen von der Cyberkriminalität im ursprünglichen Sinn - Computerviren und Spähattacken in Netz - gibt es heute nahezu kein kriminelles Geschäft mehr, bei dem das Internet keine Rolle spielt. Für Verbrecher ist das Netz ein Vertriebskanal. "Drogen, Waffen, gefälschte Dokumente, Kinderpornografie - das ist alles in Untergrundforen erhältlich", sagt der Cyber-Cop.

Und noch eine Parallele zwischen legalen Unternehmen und der Welt des Verbrechens ist zu beobachten: Traditionelle Branchen sind in Sachen Digitalisierung eher langsam. Das gilt offenbar auch für Verbrecherorganisationen mit langer Historie wie die sizilianische Mafia. In der traditionellen organisierten Kriminalität von Beginn an genutzt worden seien die Methoden der Geheimhaltung und Verschlüsselung, die das Internet bietet, sagt der Cyber-Ermittler. Aber ansonsten sei die Mafia bislang wohl nicht auf digitale Geschäftsmodelle umgestiegen.

Geldwäsche


Doch es gibt Berührungspunkte zwischen alteingesessenen Mafiosi und digitalen Newcomern. "Die ursprüngliche Verbindung zwischen Cyber-Kriminellen und organisierter Kriminalität ist die Geldwäsche", meint Trend-Micro-Experte Schneider. "Wenn Sie illegale Gewinne säubern wollen, brauchen Sie dafür Hilfe." Da Unter- und Oberwelt in ähnlicher Weise vom digitalen Wandel erfasst werden, erwarten manche Fachleute, dass auch traditionelle Banden ins eigentliche Digitalgeschäft einsteigen.
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