Dumping und Preisverfall
Aufruhr in London: Stirbt die Stahlindustrie?

Im Stahl-Werk in Port Talbot (Wales) stehen rund 5500 Arbeitsplätze im Feuer. In ganz Großbritannien könnten sogar 15 000 Stellen wegfallen, wenn der indische Konzern Tata Steel die Werke schließt. Bild: dpa

Stahlbranche ist Krisenbranche. Jetzt erwischt es die britischen Arbeiter. Die Wut in London ist groß. Doch was tun gegen chinesische Dumpingpolitik?

London. Völlig überraschend kam die Hiobsbotschaft nicht. Dennoch schlug die Nachricht, dass der indische Tata Steel Konzern sein Stahlgeschäft in Großbritannien abstoßen will, wie eine Bombe ein. Die Stahlkocher in Wales reagierten geschockt, die Gewerkschaften empört, Regierungschef David Cameron schaltete sofort auf Krisenmodus um - ratlos sind alle. Insgesamt sind 15 000 Jobs bedroht. Werden sie zum Opfer des chinesischen Billig-Stahls, der weltweit die Preise drückt.

Tata Steel macht nach eigenen Angaben mit seinen britischen Werken täglich eine Million Pfund (1,25 Millionen Euro) Verluste. Das könne man sich einfach nicht mehr länger leisten, so die Inder. Tata hatte 2007 den britisch-holländischen Konzern Corus übernommen und stieg damit zum zweitgrößten Stahlproduzenten in Europa hinter Arcelor-Mittal auf - Glück brachte das Tata aber nie.

Frommer Wunsch


Die Absicht, verkaufen zu wollen, ist nach Ansicht von Experten ein frommer Wunsch. Wer will sich schon einen solchen Klotz ans Bein binden? Stahlbranche ist Krisenbranche - nicht nur auf der Insel, sondern in ganz Europa. Noch schlimmer: In London geht die Furcht um, dass es bestenfalls Interessenten für bestimmte Teile der Unternehmen gibt - die Werke also zerschlagen werden. Weitere Furcht: Die Inder glauben in Wahrheit gar nicht mehr ans Verkaufen, sondern wollen schlichtweg dicht machen. Die britischen Gewerkschaften und linke Labour-Leute ziehen erneut das altbekannte Rezept der Verstaatlichung aus der Tasche. Dagegen meint die Regierung, man werde alles zur Rettung tun - nur eben bitte nicht verstaatlichen.

Auch in Deutschland haben Chinas Dumpingpreise und der weltweit rasante Verfall der Stahlpreise tiefe Spuren hinterlassen. Thyssenkrupp etwa rutschte in den ersten drei Monaten des laufenden Geschäftsjahres 2015/2016 (30. September) wieder in die roten Zahlen. Mit einem dicken Minus schloss auch der Konkurrent Salzgitter das Jahr 2015 ab. Beim weltgrößten Stahlkocher Arcelor-Mittal stand unterm Strich ein Milliardenverlust. Der Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl, Hans Jürgen Kerkhoff, spricht von einer "dramatischen Entwicklung". Europaweit herrscht weitgehende Ratlosigkeit, wie Chinas Schleuderpreise zu begegnen sind. Ankündigungen aus Peking, wegen massiver Überkapazitäten in der Stahl- und Kohleindustrie rund 1,8 Millionen Jobs abbauen zu wollen, sieht Kerkhoff mit Skepsis. "Die Stahlindustrie in Deutschland begrüßt grundsätzlich jede Initiative, die geeignet ist, die massiven Stahl-Überkapazitäten in China zu reduzieren", meinte er unlängst. Doch bisher seien solche Pläne nie wirklich erfolgreich gewesen.

Peking als Investor


Unterdessen bastelt die EU-Kommission an einem Plan zur Stärkung der heimischen Industrie. Man wolle die Europäer stärker vor Billig-Konkurrenz schützen. Unter bestimmten Umständen sollten sogar höhere Antidumpingzölle möglich werden. Pikantes Detail: Kritiker werfen der Regierung in London vor, sich in der EU gegen höhere Zölle gestemmt zu haben. Der Grund sei klar, London wolle Peking vor allem als Investor in Zukunftsbranchen gewinnen.
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