Ehemaliger "Wirtschaftsweiser" Wolfgang Wiegard hält "Grexit" für das kleinere Übel
Griechenland: Schlimm wird es so oder so

Weiden/Amberg. (cf) Auch nach vier Jahren im Ruhestand als "Wirtschaftsweiser" bringt der emeritierte Professor Wolfgang Wiegard (69) die komplexen Dinge pointiert auf den Punkt: "Ich vermute, die Politik wird den ,Grexit' nicht zulassen. Doch die EU wird langfristig um einen Schuldenschnitt nicht herumkommen. Schlimm wird es so oder so ..."

Weil eine Rückzahlung der Schulden Griechenlands "so gut wie ausgeschlossen ist", werde halt die Tilgung auf den Sankt-Nimmerleinstag verschoben: vom Jahr 2022 auf 2100. "So kommt es zumindest offiziell nicht zum Staatsbankrott Griechenlands. Der Titel der Gläubiger bleibt ja bestehen." Einen leisen Spott kann sich Wiegard nicht ersparen: "Sollte unerwartet dennoch der Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone eintreten, wird der Dax auf unter 10 000 Punkte fallen. Das ist eine schöne Kaufgelegenheit, denn der Dax wird irgendwann sicher bei 20 000 Punkten stehen."

Am Rande einer Kundenveranstaltung der Hypo-Vereinsbank hielt Wiegard, der über ein Jahrzehnt lang zu den einflussreichsten Wirtschaftswissenschaftlern Deutschlands zählte, mit seiner Meinung nicht hinterm Berg: Dass nämlich ein Ausscheiden Griechenlands langfristig eher zu einer Stabilisierung der Währungsunion führen werde. "Wenn die Maastrich-Regeln nicht eingehalten werden, kann die Währungsunion auf Dauer nicht existieren."

Auch wenn Griechenlands Premier Alexis Tsipras und sein Finanzminister ein Horror-Gemälde malten, bestünden durch einen "Grexit" kaum noch "Ansteckungseffekte", die Risiken seien verkraftbar. Die griechische Regierung nutze es eiskalt aus, dass Kanzlerin Merkel Griechenland unbedingt in der Währungsunion halten wolle. Wiegards Prognose: "Das zweite Rettungspaket wird nochmals um sechs Monate verlängert."

Aufhorchen lässt der Chef-Investmentstratege der Hypo-Vereinsbank, Oliver Postler. Er prophezeit, dass die Niedrigstzinsen bereits ihren Tiefpunkt gesehen haben. In den nächsten Monaten werde sich die Rendite der 10-jährigen Bundesanleihen auf ein Prozent zubewegen. Wiegard teilt diese Einschätzung: "2017 oder 2018 wird es zu einer Erhöhung der Leitzinsen durch die EZB kommen." Im Herbst 2016 laufe das milliardenschwere "Aufkauf-Programm" der EZB aus.
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