Eine Branche in Schwierigkeiten
Beim Öl läuft’s nicht mehr wie geschmiert

Ölpumpen laufen auf Hochtouren: Der Markt drohe im Überangebot zu "ertrinken", warnte die Internationale Energieagentur erst am Dienstag. Doch die Ölpreise fallen weiter. Was Verbraucher freut, versetzt die Branche in große Unruhe. Archivbild: dpa

Die internationale Ölbranche hat ein Problem: Das Überangebot hat den Preis auf ein Rekordtief gedrückt, mit dem Iran kommt ein neuer Großlieferant auf den Markt. Hunderttausende Jobs sind schon verloren.

London/Washington. Der Ölpreis ist im dritten Jahr in Folge im Keller und rutscht immer tiefer. Derzeit werden nicht einmal mehr 30 Dollar für ein Barrel (159 Liter) bezahlt - nach 108 Dollar vor 18 Monaten. In den Chefetagen der großen Konzerne werden längst die Rotstifte gespitzt, um Worst-Case-Szenarien zu rechnen.

Die US-Investmentbank Morgan Stanley, die 2008 noch 200 Dollar pro Barrel für möglich gehalten hatte, geht von einem Tiefpunkt bei 20 Dollar aus. Die britische Standard Chartered glaubt sogar an zehn Dollar - ein Tief, das seit 2001 nicht mehr erreicht wurde. Was Autofahrer freut und die Heizkostenrechnungen erschwinglich werden lässt, ist für die Branche zum Riesenproblem geworden. "Wenn sich nichts ändert, kann der Markt im Überangebot ertrinken", warnte zuletzt auch die Internationale Energieagentur in Paris. 230 000 Jobs hat die Branche weltweit schon abgebaut, seit der Ölpreis in den Keller rutschte.

Ölfirmen gehen pleite


Die US-Bank Wells Fargo, die 17 Milliarden Dollar an Firmen aus dem Ölsektor verliehen hat, stellte kürzlich 1,2 Milliarden Dollar zurück - falls es zu weiteren Pleiten bei Ölfirmen kommt. Seit Anfang 2015 sind nach Angaben der texanischen Anwaltskanzlei Haynes und Boone 42 Ölfirmen in den Bankrott gerutscht. Vor allem für die technologisch aufwendige und teure Produktion aus Ölsanden und Schiefer sind die niedrigen Preise Gift.

Die Opec-Länder, allen voran Saudi-Arabien, pumpen Unmengen Öl in den Markt. Mit dem iranischen Öl wird die Überproduktion steigen. Gleichzeitig sinkt die Nachfrage, vor allem aus Schwellenländern wie China. Selbst das superreiche Saudi-Arabien fällt 2016 und 2017 in die Rezession, wird aber die Einschnitte im Haushalt noch verkraften.

Andere Ölexporteure gehen schon am Stock. Der seit Jahren von Krieg und blutigen Auseinandersetzungen verwüstete Irak leidet. Venezuela rief den wirtschaftlichen Notstand aus. Nigeria, wirtschaftlich zu 90 Prozent vom Öl abhängig, muss zusätzliche Schulden machen. Russland steckt in der Rezession. Für die Ölkonzerne sind die Probleme existenziell - sind so doch auf das Geld ihrer Anleger angewiesen. Sie müssen fürchten, dass Investoren, ähnlich wie bei der Kohle, ihr Geld aus Anlagen in Öl abziehen, wenn die Renditen nicht mehr stimmen und die Unsicherheit wächst.

Shell: Gewinn sackt ab


Patrick Pouyanné, Vorstandschef des französischen Konzerns Total, geht von Einschnitten um 20 Prozent aus. Der britisch-niederländische Energieriese Royal Dutch Shell muss ebenso wie andere Konzerne Großprojekte ad acta legen. Im Schlussquartal 2015 dürfte der bereinigte Gewinn auf 1,6 bis 1,9 Milliarden US-Dollar abgesackt sein, teilte der Konzern nach vorläufigen Berechnungen mit. Ein Jahr zuvor waren es noch 3,3 Milliarden Dollar gewesen. Ähnlich sieht es beim erwarteten Reingewinn für das Gesamtjahr aus. Und der britisch-australische Bergbaukonzern BHP Billiton kündigte Abschreibungen bei seinen Öl- und Schiefergasgeschäften in den USA in Höhe von 5 Milliarden Dollar an.

Benzinpreis kann nicht mehr stark sinkenÖlprodukte auf dem deutschen Markt sind deutlich billiger geworden. Heizöl kostet weniger als 40 Euro je 100 Liter (bei Abnahme von 3000 Litern, inkl. Mehrwertsteuer). Der Liter Diesel ist im bundesweiten Durchschnitt für 94 Cent zu haben, Superbenzin E10 kostet ungefähr 1,18 Euro je Liter. Das sind 30 Cent weniger als der Höchststand der vergangenen 12 Monate.

Bleiben die Preise so günstig, kann ein durchschnittlicher Autofahrer in diesem Jahr mehr als 200 Euro bei den Benzinkosten einsparen. Doch viel billiger kann es nicht mehr werden. Das liegt an den Steuern. Auf Benzin lastet eine Energiesteuer von 65,45 Cent je Liter, beim Diesel sind es 47,04 Cent. Bei Heizöl verlangt der Fiskus lediglich 6,14 Cent je Liter. Dazu kommt jeweils die Mehrwertsteuer von 19 Prozent, die sowohl auf die Energiesteuer wie auf den Warenpreis erhoben wird. Die staatlichen Einnahmen aus der Energiesteuer betragen rund 40 Milliarden Euro pro Jahr.

Bei einem Benzinpreis von 1,20 Euro je Liter entfallen 85 Cent oder 71 Prozent auf Steuern und Abgaben. Der Einkaufspreis macht 31 Cent oder 26 Prozent aus, der Rest sind Kosten und Gewinn. Der Einkaufspreis bezieht sich nicht direkt auf Rohöl, sondern auf das Endprodukt aus der Raffinerie, das einen eigenen Markt bildet. Sollte sich der Rohölpreis zum Beispiel nochmals halbieren, auf 14 Dollar je Barrel, so würden an der Tankstelle nur noch einige Cent ankommen.

So ganz genau lässt es sich nicht ausrechnen, aber ein Benzinpreis unterhalb von 1,10 Euro je Liter ist möglich, unter einem Euro eher nicht. Diesel kann bis auf 85 Cent je Liter sinken. Am ehesten Luft nach unten hat wegen des niedrigen Steueranteils der Heizölpreis. (dpa)
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