Eisige Atmosphäre bei VW

Greenpeace-Aktivisten kritisieren über dem Werkstor von Volkswagen in Wolfsburg den Skandal um die CO2-Werte bei VW-Modellen. Bild: dpa

"Volkswagen - Das Auto". Stolz wirbt der Konzern mit diesem deutschen Slogan, auch in den USA. Doch nach der Abgas-Affäre ist "das Auto" oft "das Problem". Greenpeace schreibt es VW so schon an die Firmenzentrale. Dort gab es nun die nächste Krisensitzung.

Wie sich die Zeiten ändern: Vor einem Jahr zurrten die VW-Aufsichtsräte den jüngsten Fünfjahresplan fest, mit dem der Autobauer auf dem Weg zur Weltspitze 100 Milliarden Euro investieren wollte. Ein Jahr später versammeln sich die Kontrolleure noch vor der üblichen Planungsrunde zur Notsitzung, und statt Milliarden-Etats von Brasilien bis China abzustecken, geht es mit dem Abgas-Skandal um die größte Krise der Firmengeschichte - und eine milliardenschwere Bürde.

"Rekordprobleme"

Auch wegen neuer Hiobsbotschaften aus dem Verkehrsministerium in Berlin, nachdem bei der Rückrufaktion teilweise Software-Updates nicht ausreichen, war die Atmosphäre beim Treffen am Stammsitz mies. "Die Stimmung ist scheiße", verlautete eine ungeschönte Beschreibung aus Teilnehmerkreisen. Als "Eiszeit" umschrieb es eine andere Stimme. Vor allem die Vertreter der Katar-Holding - des drittgrößten VW-Aktionärs - hätten "einen richtigen Hals", weil auch die Scheichs nun bemerkt hätten, dass bei VW Rekordprobleme statt Rekorddividenden anstehen.

Zu allem Überfluss stieg Greenpeace VW am Montag auch noch aufs Dach: Über dem Haupteingang der Zentrale verkehrten Aktivisten den Werbeslogan "Das Auto" per Transparent zu "Das Problem". Drinnen bei den Kontrolleuren berichteten die externen Prüfer der US-Kanzlei Jones Day über Details ihrer Arbeit. Insider beschrieben die Sitzung, die mit zweieinhalbstündiger Verspätung begann, als zäh. Immer wieder habe es Unterbrechungen gegeben.

Schon die Vorzeichen des Treffens hatten auf Alarm-Rot gestanden. Der neue VW-Chef Matthias Müller verschärft wegen der immensen Kosten des Skandals den Sparkurs bei Volkswagen. Und weniger der Fakt an sich als das Wie dahinter beschwor den Groll des mächtigen VW-Arbeitnehmerbosses Bernd Osterloh herauf. "Der Vorstand verkündet Sparmaßnahmen einseitig und ohne Grundlage", wetterte der Betriebsratschef am Freitag. "Wer die Axt bei Volkswagen an die demokratischen Mitbestimmungsrechte der Beschäftigten legen will, der gefährdet den sozialen Frieden und die Zukunftsfähigkeit unseres Unternehmens." Es gebe viel zu viele Fragezeichen.

Harsche Kritik

Osterloh schloss auch erstmals einen Wechsel als Personalchef in den Vorstand aus - darüber war lange spekuliert worden. Der Ton seiner massiven Kritik am Top-Management verwunderte die Gegenseite, wie von dort verlautete. Nicht allerdings so sehr der Widerstand an sich.

Bisher sind bei VW noch keine Verkaufseinbußen zu erkennen. Doch der Skandal ist noch jung. Die Absatzzahlen für November und Dezember dürften frühestens zeigen, was Sache ist. In Japan brach der Verkauf im ersten Monat nach dem Aufkommen des Skandals um rund die Hälfte ein. Auch Großbritannien zeigt Diesel-Effekte. Wichtig sind aus VW-Sicht aber die großen Märkte Gesamteuropa und China - letzterer ist fast dieselfrei.

VW-Zulieferer Continental konnte am Montag immerhin eine kleine Entwarnung geben. "Weder in den USA noch in Europa sehen wir eine Verschiebung von Diesel hin zu Benziner oder einen stärkeren Rückgang im Dieselmarkt", sagte Finanzvorstand Wolfgang Schäfer. "Ein kurzfristiger Effekt bei den Kunden ist also nicht zu beobachten." Am Abend erklärten Müller und Osterloh, dass man sich zusammenraufen wolle. Der Vorstandschef macht die Zusammenarbeit mit der Arbeitnehmervertretung zu Chefsache. Er lege "großen Wert auf die Meinung und Erfahrung unserer Betriebsräte", so Müller, betonte aber auch: "Die Aufgabe ist angesichts der geänderten Rahmenbedingungen anspruchsvoll."

Beim kommenden Treffen der Kontrolleure soll der Schwerpunkt auf den Investitionsplänen bis ins Jahr 2020 liegen. Die Vorzeichen dafür sind ganz andere als noch vor einem Jahr.
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