Energiearmut fordert Tausende Menschenleben in Spanien
Sterben ohne Strom

Der Tod Rosas erschüttert Spanien. Die 81-Jährige erstickte in ihrer kleinen Wohnung am giftigen Rauch. Eine Kerze hatte den Brand verursacht. Der Seniorin war der Strom abgedreht worden. Sie musste ihre letzten Tage ohne warme Dusche, Kühlschrank und Kaffeemaschine auskommen. Bild: dpa

In Spanien können sich immer mehr Menschen den Strom nicht mehr leisten. Seit Beginn der Krise im Jahr 2008 kletterten die Preise um mehr als 50 Prozent. Eine Tragödie deckt die spanische Energiearmut nun schonungslos auf.

Madrid. Als ihre Matratze Feuer fing, muss Rosa in Panik gestürzt und ohnmächtig geworden sein. Wie die Autopsie ergab, ist die 81-Jährige in ihrer kleinen Wohnung im katalanischen Reus am giftigen Rauch erstickt. "Schuld" waren die Kerzen, die die Rentnerin angezündet hatte, um an einem feuchtkühlen Herbstabend etwas Licht und Wärme zu haben. Wegen unbezahlter Rechnungen war ihr der Strom vor rund zwei Monaten abgedreht worden.

Mehr als 7000 Tote


Die Tragödie rüttelt ganz Spanien für ein Problem wach, das sich rapide zugespitzt hat. Die "Energiearmut" - die Probleme beim Bezahlen der Strom- und Gasrechnungen - forderte laut Studie der Sozial- und Umwelt-Stiftung ACA zuletzt mehr als 7000 Menschenleben pro Jahr. Das sind sechs Mal mehr als die Verkehrstoten (2015: 1126 Tote). Gezählt werden auch "vermeidbare vorzeitige Todesfälle", die von Gesundheitsproblemen durch Energiearmut verursacht werden. Die Zahl der Betroffenen sei seit zwei Jahren auf 5,1 Millionen (plus 22 Prozent) angestiegen, so die ACA. Geschätzt kann jeder dritte Spanier im Winter nicht richtig heizen. "Eine fortschrittliche Gesellschaft darf nicht zulassen, dass sozial ausgegrenzte Bürger wegen Energiearmut sterben", klagte die Zeitung "El País". Strom sei seit 2008 - dem Ausbruch der Wirtschaftskrise - im Schnitt um 52 Prozent teurer geworden. Laut "El Mundo" kletterte die Zahl der Stromsperrungen 2015 um 5,9 Prozent auf 506 000. Und die Einkommen seien parallel stark gesunken. Die Arbeitslosenrate liegt immer noch bei 19 Prozent. Dass es nicht noch mehr Abstellungen sind, dafür sorgen Hilfsorganisationen. "Mit 4,3 Millionen Euro haben wir 2015 fast 17 000 Haushalten bei der Bezahlung von rund 30 000 Rechnungen geholfen", sagt Fernando Cuevas vom Roten Kreuz. 2014 seien es "nur" 2,5 Millionen Euro gewesen.

Rosas Fall hat Spanien nun derart erschüttert, dass die Menschen zum Protest auf die Straßen gehen. "Armut tötet" und "Wir sind alle Rosa" war auf Plakaten zu lesen. Tausende versammelten sich vor Gebäuden des Konzerns Gas Natural Fenosa, der der 81-Jährigen den Strom abgedreht hatte, und riefen: "Das sind keine Todesfälle, das sind Morde!" "Es kann nicht sein, dass in der viertgrößten Volkswirtschaft der Eurozone Menschen sterben müssen, weil Firmen, die dicke Gewinne machen und ihren Chefs Skandalgehälter zahlen, armen und älteren Menschen den Strom abdrehen", sagte Pablo Iglesias von der Protestpartei Podemos. Reus-Bürgermeister Carles Pellicer warf Gas Natural Fenosa vor, die Verordnung ignoriert zu haben, wonach bei einer Sperrung Sozialdienste benachrichtigt werden müssen.

Regionalregierungen kündigten Strafmaßnahmen gegen gierige Energieversorger an. Auf Drängen der Opposition versprach Ministerpräsident Mariano Rajoy einen Rabatt auf die Energierechnung für 1,6 Millionen Haushalte mit einem Gesamteinkommen von unter 300 Euro im Monat. Für Rosa kommt dies zu spät.
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