EZB wird zur "Daten-Krake"

Die "Daten-.Sammelwut" der Europäischen Zentralbank (EZB) kritisiert der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands, Georg Fahrenschon. Bild: Kreuzer

Mit den Investment- und Geschäftsbanken will er sich nicht auf eine Stufe stellen. Denen gehe es nur um Gewinn-Optimierung. Die Marktführerschaft seiner 413 Geldinstitute müsste Georg Fahrenschon, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands, zuversichtlich stimmen. Doch der oberste Sparkassen-Chef sieht die nächste Krise vorgezeichnet.

Neustadt. Der ehemalige bayerische Finanzminister nennt sich selber "Handlungsreisender im Sparkassen-Wesen". Er wird nicht müde, die regionale Verankerung der Sparkassen immer wieder zu betonen, "das Sparen aus der Region für Investitionen in der Region". "Das Geschäft mit den Privatleuten und dem Mittelstand in Deutschland machen wir und die genossenschaftlichen Banken", sagt er selbstbewusst. Bedrohlich empfindet Fahrenschon die von der EZB verordneten Niedrigstzinsen und die "Regulierungs-Wut". Das Interview führte Clemens Fütterer.

Die Niedrigstzinsphase schmälert drastisch die Erträge: Ist das Geschäftsmodell der 413 selbstständigen Sparkassen in Deutschland künftig noch tragfähig?

Fahrenschon: Die Sparkassen in Deutschland werden in den nächsten fünf Jahren etwa 20 Prozent ihres Ertrags einbüßen. Sie konnten durch die guten Betriebsergebnisse in den vergangenen Jahren 19 Milliarden Euro Vorsorge-Reserven ansparen. Wir kommen aber nicht umhin, über neue Geschäftsmodelle und geänderte Strukturen nachzudenken; wir müssen an die Kosten ran und noch mehr im Verbund arbeiten. Bei Altersvorsorge und Spar-Erträgen wirken die Sparkassen wie ein Vergrößerungsglas der aktuellen Problemlage.

Besteht die Gefahr eines "Systemrisikos" für die Banken und Sparkassen?

Fahrenschon: Solch ein Risiko sehe ich für die Sparkassen nicht. Sorge macht der dramatische Anstieg des sogenannten grauen Kapitalmarkts, der Schatten-Banken. Ihr Anteil erhöhte sich in Europa von 35 auf 65 Prozent. Die strenge Regulierung gilt nur für die Banken und Sparkassen, die andern bleiben von ihr verschont. Von den Nicht-Banken kommt ein immer höheres Kreditvolumen. Hier bahnt sich die nächste Krise an. Die Volatilität auf den Märkten hat stark zugenommen. Vielen Unternehmern fehlt der Mut zu Investitionen.

Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, werden die Banken und Sparkassen in Europa ab 2016 zur Meldung eines jeden Kredits über 25 000 Euro an die EZB gezwungen. Wird der Verbraucher gläsern? Die Geheimniskrämerei um dieses Projekt "Anacredit" ähnelt der TTIP-Verfahrensweise ...

Fahrenschon: "Anacredit" bedeutet für uns den bürokratischen Overkill. Derzeit müssen wir jeden Kredit über 1 Million Euro mit 38 Datenpunkten der EZB melden, künftig liegt die Meldeschwelle bei 25 000 Euro mit 174 Datenpunkten. Die Kunden und Steuerzahler werden für diese immense Daten-Sammelwut der EZB wohl die Rechnung bezahlen müssen. So wir die EZB zu einer Daten-Krake. Die Regulierung geht in die völlig falsche Richtung. Schauen Sie Zypern an, wo 50 Prozent der Kredite notleidend sind, in Deutschland im Schnitt 6 Prozent, bei den Sparkassen noch weniger. Das zeigt, wo die Probleme in Europa liegen. Wir brauchen bei der Regulierung eine Mittelstandskomponente für die Kreditwirtschaft.

Derzeit ist der regulatorische Aufwand einer Sparkasse genauso hoch wie bei einer weltweit operierenden Bank. Zu den Niedrigstzinsen kommen die Kosten für diese Regulatorik. Dabei stellen gerade die Sparkassen für den exportorientierten Mittelstand einen Stabilitätsanker dar, den wir hegen und pflegen sollten.

Am 30. Oktober war Weltspartag. Bei den Niedrigstzinsen bleibt der Zinseszins-Effekt aus: Es braucht über 250 Jahre, um das Ersparte zu verdoppeln. Lohnt das Sparen überhaupt noch?

Fahrenschon: Sicherlich, der Sparer kann trotzdem über sein angelegtes Geld in der Zukunft verfügen.

Aber er vermehrt dabei sein Erspartes nicht mehr.

Fahrenschon: Der Zinseszins-Effekt macht es immer schwieriger, mit konservativen Anlageformen ausreichend für die Altersvorsorge anzusparen. Ich bin mit der Zinspolitik der EZB keineswegs einverstanden. Ich wünsche mir aber auch, dass die Bundesregierung die seit 1998 unveränderten vermögenswirksamen Leistungen reformiert. Sie sind mittlerweile veraltet.
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