Für futuristische Architektur und Smartphones - Flachglas-Bundesverband in Weiherhammer und ...
Glas-Technologie aus der Oberpfalz

Im sogenannten Float-Bad: Bei 1100 Grad "schwimmt" die Glasmasse auf Zinn. Das Scheibenglas wird durch dieses Verfahren absolut eben. Bild: NSG-Group
Weiherhammer. 365 Tage im Jahr - in vier bzw. drei Schichten - herrscht Betrieb bei Pilkington in Weiherhammer (Kreis Neustadt). Täglich verlassen 70 bis 80 große Lkw das riesige Werk, um bis zu 16 Meter lange Glasscheiben zur Weiterverarbeitung (Veredelung) oder zu den Kunden zu transportieren: Das Produkt aus der nördlichen Oberpfalz kommt in der Automobilindustrie ebenso zum Einsatz wie im Innenausbau, als Außenfassade etwa beim futuristischen Apple-Campus in den USA, als Spiegel oder hauchdünn bei Smartphones oder Tablets.

Der Bundesverband Flachglas führte in den vergangenen Tagen Journalisten der Fachpresse und überregionaler Tageszeitungen zu Pilkington in Weiherhammer und nach Wernberg-Köblitz zur Flachglas, die auf Weiterverarbeitung spezialisiert ist. Der Hauptgeschäftsführer des Verbands, Diplom-Ökonom Jochen Grönegräs, erkennt einen Trend zum Sicherheitsglas (Schutz vor Einbrüchen) und zu pflegeleichten Oberflächen.

Insgesamt sank die Produktion der 110 deutschen Flachglas-Hersteller in den letzten Jahren geringfügig. Den Grund dafür macht Grönegräs bei den hohen Einfuhren aus Polen aus: "Deutschland wurde zu einem Fenster-Importland." Der Anteil der im östlichen Nachbarland gekauften Fenster beläuft sich inzwischen auf 15 bis 20 Prozent. "Es ist ein Wunder, dass es unsere Branche so spät trifft", sagt Grönegräs ernüchternd.

Dafür läuft es in der Baubranche "phantastisch". Die Struktur habe sich vom Einfamilien- hin zum Mehrfamilienhaus mit Glas auch für den Innenausbau verlagert. Selbst ohne den Flüchtlings-Zustrom sieht Hauptgeschäftsführer Grönegräs einen Nachholbedarf von 400 000 - "bezahlbaren" - Wohnungen in Deutschland im Jahr.

Glasmasse im Zinnbad

Bei den Besichtigungen in Weiherhammer und Wernberg verspürten die Besucher nicht nur ein "archaisches Erlebnis", sondern auch die "Liebe der Oberpfälzer zum Glas" (Grönegräs). Bei Pilkington, das seit 2006 zum weltweit führenden Konzern NSG mit 47 Floatlinien in 28 Ländern und 5 Milliarden Euro Umsatz gehört, führten Dr. Hans-Eckhard Leitl und Thomas Winter die Faszination und Vielseitigkeit des "Innovationsträgers Glas" vor Augen.

Die Metamorphose von Sand (60 Prozent), Kalk/Dolomit sowie Soda und Sulfat (jeweils 20 Prozent) bei 1600 Grad zu Glas, der atemberaubende, "schwimmende" Prozess für eine homogene Glasmasse bei 1100 Grad im Zinnbad sowie die ausgeklügelten Online-Beschichtungsverfahren für Selbstreinigung, Sonnen- und Wärmeschutz fesselten die fachkundigen Besucher. Bis zu 1800 Tonnen fasst jede der vier Schmelzwannen-Linien. Bei Pilkington in Weiherhammer geht die Nachfrage eindeutig zu hellem Glas (mehr Licht) für Wohn- und Bürogebäude. Die Scheiben weisen eine Standardgröße von 3,21 Metern Breite und 6 Meter Länge auf. Die Stärke liegt zwischen 1 und 19 Millimeter. Hightech sind die selbstreinigenden Scheiben (chemischer Prozess mit UV-Licht), absolut blendfreies Glas oder raffinierte Spiegel vor großen Fernsehern in Pubs oder Hotels. Pilkington verfügt am Standort Weiherhammer mit 480 Beschäftigten über ein eigenes Entwicklungslabor.

Die breite, qualitätsvolle Produktpalette - vom Alarmglas bis zu Scheiben für Schienen- und Wasserfahrzeuge - beeindruckte bei der auf Veredelung spezialisierten Flachglas in Wernberg. Das Unternehmen ging 1998 aus einem Mitarbeiter-Beteiligungs-Modell hervor.
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