Geld in Wertpapier-Sparpläne investieren statt auf Festgeldkonten parken - Interview mit ...
Sparer verschenken 760 Milliarden Euro

Frankfurt/Weiden. (cf) Hätten die deutschen Sparer ihr Geld nicht auf Giro- und Festgeldkonten mit mickrigen Zinsen geparkt, sondern strukturiert in Aktien angelegt, hätten sie seit 2009 etwa 760 Milliarden Euro mehr auf ihren Konten. Diese Rechnung macht Chris-Oliver Schickentanz (40) auf; er leitet seit 2011 als Chief Investment Officer die Commerzbank-Investmentstrategie für Privatkunden.

Der Anlage-Stratege zieht in seiner jüngsten Studie "Die schleichende Enteignung und ihre Folgen" eine ernüchternde Bilanz. Das Telefon-Interview mit Schickentanz führte Clemens Fütterer.

Sie gehen davon aus, dass die EZB die Null-Zins-Phase für die kommenden Jahre zementiert ...

Schickentanz: Bis mindestens 2017 dürfte sich nichts an den Niedrigstzinsen ändern, weil die EZB Rücksicht auf die hochverschuldeten Euro-Staaten nimmt, von ihrem 2-Prozent-Inflationsziel weit entfernt ist und sie die Kreditvergabe befeuern will. Im Gegenteil: Sie könnte das Gaspedal noch weiter durchdrücken. Heißt konkret: Attraktive Zinsen wird es vor 2020 nicht mehr geben.

Sie errechnen, dass die "schleichende Enteignung" den Deutschen 80 Milliarden Euro Kaufkraft in den vergangenen sechs Jahren kostete und in den nächsten vier Jahren weitere 100 Milliarden Euro bedroht sind. Welche Daten legen Sie dabei zugrunde?

Schickentanz: Die Zahlen der Deutschen Bundesbank. Sie geht davon aus, dass 2 Billionen Euro auf Giro- und Tagesgeldkonten schlummern. Von der Mini-Rendite ziehen wir die ausgewiesene Inflation ab.

Weil sich der Zinseszins auf dem Sparbuch so extrem reduziert, braucht es bis zu einer Kapital-Verdoppelung nach Ihrer Einschätzung fast 350 Jahre. Was soll der Kleinanleger tun?

Schickentanz: Monatlich einen Betrag ab 50 Euro in einen Wertpapier-Sparplan einzahlen - mit einem Zeithorizont von 30 bis 50 Jahren. Da kann er Risiken aussitzen und Chancen auf dem Aktienmarkt nutzen. Kontinuierliches Ansparen in Wertpapiere über einen längeren Zeitraum macht am meisten Sinn.

Warum gibt es in Deutschland keine Aktien-Kultur?

Schickentanz: Es gab dazu zwei Anläufe in der Vergangenheit: die Volkswagen-Aktie und den Neuen Markt. Da wurde gerade 2001 viel Porzellan zerschlagen. Die Privatanleger handeln häufig prozyklisch: Sie steigen zu spät ein und verkaufen dann in Panik ihre Aktien auf dem Tiefpunkt. Erst die langfristige Perspektive lässt die Kurs-Kapriolen aussitzen.

Sie empfehlen als Depot-Beimischung Unternehmensanleihen "unterschiedlicher Bonität". Hier haben sich schon viele Anleger die Finger verbrannt, beispielsweise bei Prokon oder ATU.

Schickentanz: Man darf Unternehmensanleihen nicht generell verteufeln oder glorifizieren, sondern muss sehr genau hinschauen. Dies ist für Privatanleger nicht einfach, ich empfehle ihnen hier einen professionell gemanagten Fonds.

Was halten Sie von einer Geldanlagen in Erneuerbare Energien, die eine Brutto-Rendite von 5 bis 6 Prozent versprechen?

Schickentanz: Sie können durchaus die Vermögensanlage bereichern. Es sollten aber nicht mehr als 5 bis 10 Prozent des Kapitalstocks sein - und vor der Haustüre in Deutschland investiert werden.

Sind offene Immobilien-Fonds wirklich eine Renten-Alternative?

Schickentanz: Hochqualitativ gemanagte Immobilien-Fonds haben die Krise ohne Blessuren überstanden. Aktuell würde ich nicht mehr in deutsche Wohnimmobilien-Fonds investieren. Ich rate zu einem global agierenden Fonds mit nachhaltigen Objekten und mit Potenzial.

Wie sieht es mit Gold als Vermögensanlage aus?

Schickentanz: Gold ist ein Evergreen und vergleichbar mit dem Brandschutz für das Eigenheim. Aber es stellt ein Risiko-Asset dar und ist keinesfalls als Allheilmittel zu sehen. Höchstens 5 Prozent des Vermögens sollten in Gold angelegt werden.
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