"Geld kann man nicht essen"

Zum Artikel "BMW ausgebremst" vom 15.1. schreibt ein Leser:

Der Artikel über den Grundstücksstreit zwischen dem Hause Thurn und Taxis und einem Saatzuchtbetrieb wegen eines Logistikzentrums für BMW stellt meines Erachtens die Sachlage doch etwas sehr vereinfacht und auch einseitig dar; deshalb hier noch einige Anmerkungen, die das Thema in vielleicht etwas anderem Licht erscheinen lassen. Der betroffene Saatzuchtbetrieb hat vor etwas mehr als 150 Jahren das Gut und die dazugehörigen Flächen vom Hause Thurn und Taxis gepachtet. Damals gab es die Firma BMW noch gar nicht!

Es handelt sich auch nicht um einen normalen landwirtschaftlichen Betrieb - wie die Bezeichnung "Saatzuchtbauer" nahelegen will -, sondern um einen hochspezialisierten Betrieb, welcher Getreidesorten züchtet, und in dieser Sparte als eines von wenigen Kleinunternehmen in Konkurrenz zu den Chemiegiganten Bayer, BASF, Monsanto usw. in Deutschland noch übriggeblieben ist.

Zur Pflanzenzucht sollte man folgendes wissen: Bei den jeweiligen Getreidearten werden jährlich mit ausgewählten Sorten einige hundert Kreuzungen vorgenommen. Das Handwerkszeug bei diesem Vorgang auf dem Feld, im sogenannten Zuchtgarten, ist die Pinzette. Der Ertrag liegt bei einer erfolgreichen Kreuzung in der Größenordnung von einem bis wenigen Körnern. Diese werden zunächst als Einzelpflanzen, später als Zuchtstamm in einer jeweils ca. 10 Quadratmeter großen Parzelle mit Spezialmaschinen ausgesät bzw. geerntet. Bei mehreren tausend Parzellen ergibt sich aus der Luft das Bild eines riesigen Schachbretts. Der Züchter versucht aus diesem jetzt vorhandenen Material eine marktreife Sorte durch Vergleich und Selektion zu entwickeln.

Es bedarf eines enormen Aufwands, ungeheurer Sorgfalt und vieler Jahre, bis eine Sorte nach erfolgreichen nationalen und internationalen Prüfungen schließlich vom Bundessortenamt anerkannt wird. Eine neue Sorte muss einen sogenannten "Landeskulturellen Wert" vorweisen. Das heißt, dass sie entweder in der Pflanzengesundheit, in der Qualität (zum Beispiel bei Gerste Brauqualität für Bier, bei Weizen oder Roggen Backqualität für Brot ), im Ertrag oder einem anderen Kriterium besser sein muss, als jede bisher zugelassene Getreidesorte. Würde der Maßstab eines "Landeskulturellen Wertes" an anderen Wirtschafts-zweigen - z.B. der Autoindustrie - angelegt: Dürften dann nur noch neue Autos zugelassen werden, die weniger Umweltbelastung und Spritverbrauch vorweisen können als das Vorgängermodell? Die Idee ist gar nicht so schlecht!

Es lässt sich für BMW bestimmt ein anderes Stück Land finden, so dass die in Aussicht gestellten 2000 Arbeitsplätze nicht automatisch in Gefahr sind. Man muss nicht immer wieder die gleichen Totschlagargumente bemühen. Sie mögen richtig sein; aber man kann vieles nicht einfach gegeneinander aufwiegen und es gibt auch andere Werte, die es zu schützen gilt: Dazu gehört sicherlich die gesunde und gentechnikfreie Nahrung, die jeder gerne möchte, die aber durch wirtschaftliche Interessen immer mehr bedroht ist. Das können wir an den hartnäckigen, sich ständig wiederholenden Versuchen der Industrie, Genmais in Deutschland und Europa - z.B. TTIP-Verhandlungen - einzuführen, verfolgen.

Georg Schweitzer, Regensburg
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