"Geschenk des Himmels"
Roboterauto statt Rollator

Senioren haben sich im vergangenen Jahr in Deutschland 1,12 Millionen neue Autos gekauft - 35 Prozent aller Neuwagen wurden auf Käufer zugelassen, die älter als 60 waren. Archivbild: dpa

Senioren haben sich im vergangenen Jahr eine Million neue Autos gekauft. Die meisten fahren täglich. Aber irgendwann wird es zu gefährlich. Die Autoindustrie hat die Älteren nun als neue Zielgruppe entdeckt.

München. Jeder dritte Neuwagenkäufer in Deutschland ist über 60 Jahre alt. Millionen Autofahrer sind bereits im Rentenalter. Aber wenn die Augen schlechter werden und die Konzentration nachlässt, trauen sich viele nicht mehr so oft hinters Steuer. Die Autoindustrie bastelt jedoch eifrig an einem "Geschenk des Himmels", wie der US-Rentnerverband AARP es nennt: am selbstfahrenden Auto. Notbrems-Assistent, Spurhalte- und Totwinkel-Assistent, Müdigkeitserkennung, Fernlicht- und Nachtsicht-Assistent: Schon heute springen technische Helfer dem Fahrer in vielen Situationen bei. "Nicht nur einem 70-jährigen würde ich raten: Kauf, was du kriegen kannst", sagt Heiko Wolframm, Experte für Fahrerassistenzsysteme im ADAC-Technikzentrum Landsberg. Eine Sekunde Unaufmerksamkeit bei Tempo 100 bedeute 28 Meter Blindflug. "Ein Notbrems-Assistent ist sinnvoller als schöne Aluräder."

Ältere sind heute viel unterwegs. Nach einer Umfrage der Allianz-Versicherung nutzen zwei Drittel der über 60-jährigen ihr Auto täglich. Und sie verursachen weniger schwere Unfälle als junge Fahrer. Allerdings steigt das Risiko mit zunehmendem Alter stark. Wenn Senioren über 75 Jahren in Unfälle verwickelt sind, haben sie diese zu 75 Prozent selbst verursacht, stellten die Unfallforscher der Versicherer fest. ADAC-Verkehrspsychologin Nina Wahn sagt, Ältere hätten "häufiger ein Problem mit dem Sehen, auch Reaktionsgeschwindigkeit und -sicherheit nehmen eher ab. Aber viele kompensieren solche Defizite, indem sie nur noch bekannte Strecken fahren, zum Arzt, zum Einkaufen etwa, und nicht mehr nachts oder bei Regen." Assistenzsysteme helfen ihnen, nachlassende Fähigkeiten auszugleichen.

Autobauer wollen völlig autonom fahrende Autos schon in wenigen Jahren auf den Markt bringen. Dabei haben sie auch die wachsende Zahl der Senioren im Blick. Eine "Zielgruppe ist die von älteren Personen", die mit autonomen Fahrsystemen "ihre eigenen, leider nachlassenden sensorischen Fähigkeiten im Straßenverkehr unterstützen", erklärte Daimler-Manager Ralf Guido Herrtwich.Aber setzen sich Ältere wirklich in ein Auto ohne Lenkrad und Pedale und vertrauen allein dem Computer? ADAC-Verkehrspsychologin Wahn sagt: "Die Hemmschwelle hin zur Technik-Akzeptanz ist bei Älteren vielleicht größer." Aber die Vorteile sind verlockend. "In ferner Zukunft wäre es vorstellbar, dass völlig autonome Fahrzeuge auch Menschen mit eingeschränkter Fahrkompetenz ihre eigenständige Mobilität erhalten". Bei Bus und Bahn müsse man "sich nach Fahrplänen richten und zur Haltestelle kommen. Das eigene Auto gibt da mehr Freiheit."

Beim Sozialverband VdK sieht man die Vorteile der neuen Autotechnik. "Über den tödlichen Unfall mit einem selbstfahrenden Auto bin ich sehr erschrocken. Der Weg zu einem vollkommen sicheren selbstfahrenden Auto ist nun wahrscheinlich noch sehr weit" , sagt VdK-Präsidentin Ulrike Mascher. "Aber alle Systeme, die das Autofahren sicherer und einfacher machen, sind für Menschen, die auf einen Pkw angewiesen sind, sehr hilfreich."
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.