Halbzeit für "Super-Mario"

Seine Worte haben Gewicht, sein Handeln hat den Euro vor dem Zusammenbruch bewahrt - und Griechenland vor der Pleite. Doch die lockere Geldpolitik von EZB-Präsident Draghi geht vielen zu weit. Vor allem in Deutschland.

An Mario Draghi scheiden sich die Geister: Für die einen ist der EZB-Präsident der Held der Euro-Schuldenkrise - für die anderen hält er auf Kosten von Sparern und auf Risiko der Steuerzahler klamme Banken und Staaten am Leben. Fakt ist: In der ersten Hälfte seiner achtjährigen Amtszeit als oberster Währungshüter im Euro-Raum hat der inzwischen 68-Jährige den Instrumentenkasten der Notenbank kräftig ausgedehnt. Manche sagen: überdehnt.

EZB als Retterin

Fakt ist aber auch: Als Draghi zum 1. November 2011 die Nachfolge von Jean-Claude Trichet antrat, brannte es im Euro-Raum lichterloh - und nicht wenige sahen in der Europäischen Zentralbank (EZB) die einzige potente Retterin im Kampf gegen Schuldenkrise und Rezession.

Die erste Amtshandlung des Italieners: Er senkte den Leitzins überraschend auf 1,25 Prozent. Und das war nur der Anfang einer in Europa beispiellos lockeren Geldpolitik: In den vier Jahren unter Draghi hat die EZB die Zinsen quasi abgeschafft, Strafzinsen für geparktes Geld der Banken eingeführt, die Märkte mit Geld überschwemmt und Griechenlands strauchelnde Banken mit Notkrediten über Wasser gehalten. Seit diesem März pumpt sie Monat für Monat Milliarden in Staatsanleihen und andere Vermögenswerte.

Dass der Währungsraum nicht auseinandergebrochen ist, ist vielen Experten zufolge aber nicht zuletzt Draghi zu verdanken. Als sich mehrere Euro-Länder nur noch sehr teuer frisches Geld an den Märkten besorgen konnten, beruhigte der Italiener im Sommer 2012 mit wenigen Worte die zum Zerreißen gespannte Lage: "Die EZB ist bereit, im Rahmen ihres Mandats alles zu tun, was nötig ist, um den Euro zu retten. Und glauben Sie mir: Es wird genug sein."

Wenig später legte die EZB ein Programm auf, um notfalls unbegrenzt Anleihen von Krisenstaaten kaufen zu können. Auch wenn über das sogenannte OMT-Programm keine einzige Anleihe gekauft wurde, rief dieses Instrument Kritiker auf den Plan. Sie werfen dem früheren Goldman-Sachs-Investmentbanker vor, die EZB-Befugnisse überdehnt zu haben.

Die Bundesbank wetterte, die EZB finanziere mit der Notenpresse Schulden von Ländern, was sie gar nicht dürfe. Bundesbank-Präsident Jens Weidmann kritisierte: "Wir könnten natürlich mit unbegrenzter Feuerkraft feuern, die Frage ist aber, ob diese unbegrenzte Feuerkraft konsistent ist mit unserem Mandat." Ohnehin ist die Fehde Weidmann-Draghi ein Dauerbrenner. Bis heute. Denn trotz der Abschaffung der Zinsen und gigantischer Geldschwemme ist der Preisauftrieb im Euro-Raum weit vom EZB-Ziel entfernt. Die Notenbank strebt eine Teuerung von knapp unter zwei Prozent an.

Noch mehr frisches Geld?

Deshalb spielen der ehemalige Jesuitenschüler Draghi und andere Geldpolitiker bereits öffentlich mit dem Gedanken, ihr aktuelles Anleihenkaufprogramm zu verlängern. "Wir haben den Willen und die Fähigkeit zu reagieren, falls dies notwendig ist", sagt Draghi. Bisher geplant ist ein Volumen von 1,1 Billionen Euro bis September 2016.

Weidmann stemmt sich gegen eine Ausweitung: "Ich rate dazu, nicht in hektischen Aktionismus zu verfallen und jetzt Kurs zu halten", sagte er kürzlich dem "Spiegel". Hauptgrund für die niedrige Inflation sei der gesunkene Ölpreis und der entlaste Verbraucher und Unternehmen. Experten der DZ-Bank werfen der EZB vor, mit ihrem Anleihenprogramm durch künstlich niedrige Zinsniveaus einen Anreiz für Staaten zu schaffen, ihre Sparpolitik aufzuweichen.

Horror für Sparer

Ein Ende der ultralockeren Geldpolitik ist in Europa - anders als in den USA - nicht in Sicht. Das ist gut für Kreditnehmer. Leidtragende sind die Sparer, vor allem die aktienscheuen Deutschen: Nach einer Studie der Allianz hat die EZB-Politik seit 2010 den Sparern bislang Zinsverluste von 29,8 Milliarden Euro eingebrockt.
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