Hannover Messe 2015
Künftig "Make in India" statt "Made in China"?

Ein Mitarbeiter des hessischen Schaltschranktechnikanbieters Rittal im Werk im indischen Bangalore. Bild: Hannover Messe/dpa

Indien würde gerne China als Werkbank der Welt ablösen. Auf seiner Werbetour um die Welt legt Premier Modi einen Stopp bei der Hannover Messe ein. Doch viele deutsche Unternehmer, die schon in Indien arbeiten, sind nicht so richtig überzeugt.

"Eine Goldgrube ist Indien nicht", sagt Reinhard Ling. Er ist Geschäftsführer der indischen Tochter des Solarhändlers IBC Solar aus Bad Staffelstein (Oberfranken). Seit zweieinhalb Jahren sei er nun auf dem Subkontinent, "und ich erlebe immer wieder Überraschungen": unglaublich viel Bürokratie, Vorschriften mit Umwegen und lokale Gruppen, die Baustellen blockieren, wenn man sie nicht beschäftigt. "Indien ist der schwierigste Markt, den ich bisher erlebt habe", sagt Ling.

Werben um Investoren

Die Zahlen geben ihm Recht: Im Weltbank-Ranking zum "Ease of Doing Business" liegt das Schwellenland nur auf Platz 142 von 189. Wenn es um Baugenehmigungen geht, sogar nur auf Rang 184, beim Durchsetzen von Verträgen auf Platz 186. Das alles soll sich ändern. Der neue indische Premierminister Narendra Modi war im Mai 2014 mit einem ambitionierten wirtschaftspolitischen Kurs angetreten. Unter dem Slogan "Make in India" wirbt er um ausländische Investoren. Sein Ziel ist es, bis zum Jahr 2025 den Anteil der Produktion von derzeit 15 auf 25 Prozent des Bruttoinlandsproduktes zu erhöhen. Dafür tourt Modi um die Welt und kommt nun auch nach Deutschland.

Am Sonntag wird er die Hannover Messe, die weltgrößte Industrieschau, eröffnen, deren Partnerland Indien heuer ist. Deutsche Unternehmen sollen zukünftig "im großen Stil" in Indien aktiv sein, sagt im Vorfeld des Branchentreffs Amitabh Kant, Staatssekretär im Handels- und Industrieministerium in Neu Delhi. "Indien wird jetzt ein Teil der weltweiten Lieferkette." Was Kant meint: Wenn derzeit die Löhne der Arbeiter in der Werkbank China steigen, könne die Industrie stattdessen nach Indien kommen, wo jeden Monat eine neue Million junger Menschen nach einem Job sucht. Laut Kant ist Indien eine "Oase" in der globalen öden wirtschaftlichen Landschaft.

Solarhändler Ling spricht zwar von einer Aufbruchstimmung, die sich in den vergangenen Monaten breitgemacht habe. "Aber in der täglichen Arbeit ist nichts leichter oder schneller geworden", sagt er. Das meint auch Johannes T. Grobe, Indien-Chef der Bosch-Industriesparte Rexroth. So sei etwa das komplizierte System aus Zöllen und Steuern bislang nicht verändert worden. "Noch immer will an jeder Brücke jemand ein bisschen Geld haben." Dennoch gilt für das Unternehmen für Antriebs- und Steuerungstechnik aus Lohr am Main (Unterfranken): Seit 1991 wurde der Umsatz in Indien alle zwei bis drei Jahre verdoppelt.

Stromausfälle

Auch für den hessischen Gehäuse- und Schaltschranktechnikanbieter Rittal war 2014 das bislang beste Jahr in Indien. "Aber ob das wegen der neuen Regierung war, kann ich nicht sagen", gibt Indien-Leiter Ajay Bhargava zu. Er beklagt die häufigen Stromausfälle - "jeden Tag zwei Stunden Blackout hier in Bangalore" -, die nach wie vor hohen Transportschäden seiner Ware und die oft mangelnde praktische Ausbildung der Inder. "Wir bekommen einfach keine Mitarbeiter mit den Fähigkeiten, die wir brauchen", sagt er.

Bazmi Husain, Indien-Chef des Schweizer Konzerns ABB, meint: "Der anfängliche Enthusiasmus ist abgeflaut." Denn alle hätten auf große Veränderungen gewartet - bislang vergeblich. Rashmikant Joshi, Indien-Geschäftsführer des Automatisierungsspezialisten Festo, hingegen meint, der Weg nach vorne sehe gut aus: "Jetzt kann es in Indien nicht mehr nach hinten losgehen oder langsamer werden." (Kommentar)
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