Im Kampf gegen Mini-Inflation legt die EZB nach
Null Prozent Zinsen und höhere Strafgebühr

Mario Draghi zeigt die Zähne: "Wir werden nicht vor der niedrigen Inflation kapitulieren", sagte er am Donnerstag. Zugleich betonte er: "Wir haben keine Sorge, dass uns die Munition ausgeht." Bild: dpa

Die niedrige Inflation macht Europas Währungshütern Sorge. Die Europäische Zentralbank (EZB) legt daher massiv nach. Noch höhere Strafzinsen sollen Banken zu mehr Krediten zwingen. Auch bei der Flut des billigen Geldes ist kein Ende in Sicht.

Frankfurt. Zum zweiten Mal binnen drei Monaten legen im Kampf gegen Mini-Inflation und Konjunkturschwäche Europas Währungshüter massiv nach. Die Währungshüter senkten den Leitzins am Donnerstag von 0,05 Prozent auf Null Prozent. Seit einem Jahr steckt die EZB Monat für Monat 60 Milliarden Euro in den Kauf von Staatsanleihen und anderen Wertpapieren. Die Maßnahme wurde bis mindestens März 2017 verlängert. Ab April will die EZB nun monatlich 80 Milliarden Euro investieren. EZB-Präsident Mario Draghi bekräftigte, der Kauf von Anleihen solle bis mindestens Ende März 2017 laufen.

Nochmals verschärft wurde der Strafzins für Bankeinlagen. Statt 0,3 Prozent müssen Geschäftsbanken künftig 0,4 Prozent zahlen, wenn sie Geld bei der EZB parken. Damit wollen die Währungshüter die Kreditvergabe im Euro-Raum ankurbeln. Müssen Banken mehr für das Bunkern von Liquidität zahlen - so die Theorie - bringt sie das eher dazu, das Geld als Kredit an Verbraucher und Unternehmen weiterzureichen. Ökonomen befürchten, dass Banken die Kosten auf ihre Kunden abwälzen könnten, statt mehr Kredite zu vergeben. Dadurch könnten Sparer, die bereits unter den Niedrigzinsen der EZB leiden, noch mehr in Mitleidenschaft gezogen werden. Ab Juni wird die EZB zudem den Banken weitere zielgerichtete Langfristkredite mit vier Jahren Laufzeit anbieten - mit negativen Zinsen.

Bislang kommt das viele billige Zentralbankgeld nicht im gewünschten Maß in der Wirtschaft an. Die Konjunktur im Euro-Raum erholt sich schleppend, die Inflation ist nach wie vor im Keller. Schätzungen zufolge lag sie im Februar im Euro-Raum bei minus 0,2 Prozent. Am Donnerstag senkte die EZB ihre Inflations-Prognose für das laufende Jahr auf 0,1 Prozent (bisher 1,0 Prozent). Für 2017 sagen die Währungshüter einen Anstieg der Verbraucherpreise um 1,3 Prozent (bisher: 1,6 Prozent) voraus, 2018 eine Teuerung von 1,6 Prozent. Die EZB strebt mittelfristig eine Inflationsrate von knapp unter 2 Prozent an.

Im Februar waren die Verbraucherpreise im Euro-Raum gefallen. Die jährliche Teuerungsrate ging nach ersten Schätzungen zufolge wegen des Absturzes der Ölpreise auf minus 0,2 Prozent zurück. Dauerhaft niedrige Preise gelten als Risiko für die Konjunktur: Unternehmen und Verbraucher könnten Investitionen aufschieben, in der Hoffnung, dass es bald noch billiger wird. Der EZB-Rat beschloss die bei Banken und Ökonomen umstrittenen Maßnahmen Draghi zufolge mit überwältigender Mehrheit. Einer der schärfsten Kritiker, Bundesbank-Präsident Jens Weidmann, durfte bei der Sitzung am Donnerstag nicht mit abstimmen. Grund ist ein Rotationsverfahren im Entscheidungsgremium der Notenbank

Die Geldpolitik der EZB und die Folgen für VerbraucherDie EZB weitet ihre Anti-Krisen-Programm massiv aus. Doch die Nebenwirkungen der Geldpolitik - milliardenschwere Wertpapierkäufe, Leitzins bei Null und Strafzinsen - treffen auch Verbraucher. Ein Überblick:

Besitzer von Fondsanteilen: Bei Geldmarktfonds und Rentenfonds mit kurzer Laufzeit werde es bei steigenden Strafzinsen immer schwieriger, Renditen zu erzielen, heißt es etwa bei Union Investment, der Fondsgesellschaft der Genossenschaftsbanken. Im Schnitt halten die Fonds demnach drei bis fünf Prozent des Volumens liquide vor - falls Anleger Anteile zurückgeben wollen. Dieses Geld werde von einigen Banken negativ verzinst. "Die negativen Zinsen entwickeln sich zunehmend zu einer Substanzbesteuerung für die Anleger", kritisiert Frank Engels, Leiter Rentenfondsmanagement bei Union Investment.

Lebensversicherungen: Sie leiden ohnehin unter den Niedrigzinsen und werfen immer weniger ab. Jetzt kommen noch die Negativzinsen hinzu. Von institutionellen Investoren wie Versicherungen und Pensionsfonds "muss die Parkgebühr mit bezahlt werden, das können wir nicht drauflegen", sagt der geschäftsführende Präsident des Sparkassen- und Giroverbandes Hessen-Thüringen, Gerhard Grandke. Das Problem der Lebensversicherer: Sie legen das Geld ihrer Kunden vor allem in Staatsanleihen an, die als sicher gelten. Diese werfen wegen der EZB-Geldpolitik aber nichts mehr ab. Versicherern fällt es immer schwerer, hohe Garantieversprechen der Vergangenheit zu erwirtschaften. Die laufende Verzinsung aus Garantiezins und Überschussbeteiligung sinkt daher im Schnitt.

Bankgebühren/Dispozinsen: Finanzexpertin Dorothea Mohn vom Verbraucherzentrale Bundesverband geht davon aus, "dass Banken schauen, wo sie Geld verdienen können, weil ein Teil ihrer Einnahmen wegbricht." Aus ihrer Sicht könnte ein Zusammenhang mit den von Verbraucherschützern als überhöht kritisierten Dispozinsen bestehen.

Tagesgeld, Sparbuch & Co: Die Lieblinge vieler Sparer werfen kaum noch etwas ab. "Generell ist die Zinspolitik für Verbraucher, die überwiegend in sichere Anlageprodukte investieren, kritisch", sagt Finanzexpertin Mohn. "Die Beschlüsse der EZB werden für immer mehr Menschen in der Euro-Zone zu einer Belastung", kritisiert der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV), Georg Fahrenschon die EZB-Entscheidungen Die Negativzins-Welt dehne sich weiter problematisch aus.

Kredite: Häuslebauer und andere Kreditnehmer profitieren von den Niedrigzinsen - für sie wird es günstiger. Allerdings warnte der Chef der Deutschen Bank, John Cryan, jüngst: Wenn die Zinsen negativer würden, müssten Banken höhere Zinsen für Kredite fordern. (dpa)
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