Immer im Dienst
Kehrseiten der modernen Arbeitswelt

Eine Frau arbeitet mit ihrem Laptop am Strand von Santa Poca auf der spanischen Mittelmeerinsel Mallorca. Moderne Kommunikationsmittel ermöglichen flexiblere Arbeitszeiten, führen aber auch oft zu ständiger Erreichbarkeit von Arbeitnehmern. Bild: dpa

Arbeiten im Park, auf dem Sofa oder einfach mal früher nach Hause gehen und sich später wieder einschalten - Flexibilität dank moderner Kommunikationsmittel wird in der Arbeitswelt gefeiert. Doch es zeigen sich mehr und mehr Kehrseiten.

Berlin/Stuttgart. Das Handy liegt für den Blick auf die Mails auf dem Nachttisch, am Strand werden Fragen des Chefs beantwortet und beim 70. Geburtstag wird noch schnell am aktuellen Projekt gearbeitet. Die ständige Erreichbarkeit bleibt nicht ohne Folgen. Einer Untersuchung der Initiative Gesundheit und Arbeit (Iga) aus dem Jahr 2013 zufolge sind Beschäftigte im Dienstleistungsbereich stärker betroffen als im verarbeitenden Gewerbe. Erholzeiten werden verkürzt oder unterbrochen. Eine ernste Konsequenz könne ein Erschöpfungszustand sein.

Krank und ausgebrannt


Der am Montag veröffentlichte zweite Teil der Studie bestätigte: Ständig auf Abruf zu stehen, kann auf die Gesundheit schlagen. Etwa ein Fünftel der Befragten gab an, in den Schlaf- und Erholungszeiten beeinträchtigt zu sein. Etwa ein Drittel fühlen sich im Familienleben und bei Freizeitaktivitäten gestört. Stressbedingte Gesundheitsbeschwerden wie Bluthochdruck und psychische Beschwerden wie Ängstlichkeit, Schlafstörungen, Burnout oder ernsthafte Krankheiten wie Depression seien schlimmstenfalls die Folge.

Einige Konzerne haben inzwischen Schutzmechanismen eingeführt. Der Vorstand der Deutschen Telekom hat zur Maßgabe gemacht, dass leitende Angestellte ihren Mitarbeitern nach Dienstschluss, am Wochenende und im Urlaub keine Mails schicken. Bei BMW und Volkswagen räumen spezielle Regelungen ein Recht auf Nichterreichbarkeit ein. Andere Konzerne wie Siemens oder Eon überlassen das den Mitarbeitern. In den Gewerkschaften wird inzwischen ein Rechtsanspruch auf Nicht-Erreichbarkeit diskutiert. "Erreichbarkeit ist ein zweischneidiges Schwert", sagt Oliver Suchy, Leiter des Projektes "Arbeit der Zukunft" beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Einerseits werde flexibles Arbeiten ermöglicht, was im Interesse der Beschäftigten sei. Doch häufig arbeiteten die Beschäftigten unentgeltlich in ihrer Freizeit, Überstunden würden am Ende doch nicht abgegolten.

"Arbeit ist zu bezahlen"


Einer jüngst veröffentlichten Statistik des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zufolge leisteten Arbeitnehmer 2015 fast eine Milliarde unbezahlte Überstunden. Diese Belastung sei für die Chefs häufig nicht sichtbar, sagt Suchy. Außerdem sparen die Unternehmen Geld: "Arbeit muss auch bezahlt werden."

Arbeiten nach FeierabendFast jeder zweite Erwerbstätige in Deutschland schaut einer Umfrage zufolge nach Feierabend in seine dienstlichen E-Mails. In einer Befragung des Meinungsforschungsinstituts Yougov für die Nachrichtenagentur dpa gaben insgesamt 45 Prozent an, in der Regel mindestens einmal oder öfter nach Dienstschluss in ihr geschäftliches Mailpostfach zu gucken. Etwa 20 Prozent der Befragten werden außerdem mindestens einmal pro Woche nach Feierabend angerufen. Etwa jeder Dritte empfindet die ständige Erreichbarkeit inzwischen als "eher" oder "sehr belastend". Ebenfalls ein Drittel der Erwerbstätigen finden die Störungen im Feierabend "ein wenig belastend" und noch einmal ein Drittel sehen darin überhaupt kein Problem. Etwa jeder Dritte hat in seinem letzten Urlaub mindestens einmal in seine E-Mails geschaut. Gleichzeitig stört es etwa 40 Prozent aller Deutschen, wenn ihre Begleitung im Urlaub berufliche E-Mails lesen würde. (dpa)
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