Interview mit dem Vorstandsvorsitzenden der Fondsgesellschaft Union Investment
„Die Kraft kommt aus der Kundennähe“

Ein "weiter so" geht nicht mehr, die Anleger müssen sich neu orientieren.

Floß/Frankfurt. Vor 25 Jahren zählte die Union Investment gerademal 120 Mitarbeiter, die 12 Milliarden D-Mark verwalteten. Aktuell managt die Fondsgesellschaft mit 2580 Beschäftigten ein Vermögen von 261 Milliarden Euro. Seit 2010 steht Hans Joachim Reinke als Vorstandsvorsitzender an der Spitze der Union Investment-Gruppe. Deutschlands drittgrößtes Asset-Management-Unternehmen ist genossenschaftlicher Verbundpartner der Volks- und Raiffeisenbanken. Reinke sprach am Mittwochnachmittag beim Jahresempfang der Raiffeisenbank Floß. Das Interview führte Clemens Fütterer.

Was bedeuten die Niedrigstzinsen für Sparer und Banken?

Reinke: Der Zinseszins-Effekt fällt weg. Auf Basis einer 10-jährigen Bundesanleihe braucht es heute 257 Jahre, um das Ersparte zu verdoppeln. Die Konsequenz lautet: Sie müssen früher anfangen zu sparen, mehr sparen oder anders sparen. Über 80 Prozent des privaten Geldvermögens von 5,2 Billionen Euro sind in festverzinslichen Wertpapieren und Lebensversicherungen angelegt. Das war in der Vergangenheit gut und richtig. Ein "weiter so" geht nicht mehr, die Anleger müssen sich neu orientieren. Die Niedrigstzinsen wirken sich bei den Banken stark ertragsmindernd aus. 70 bis 80 Prozent des Betriebsergebnisses stammen aus dem Zinsgewinn. Dazu kommen die stetig steigenden Kosten für Regulierung.

Die Anleger misstrauen der Erholung am Aktienmarkt.

Die Deutschen sind nicht gewohnt, ihr Vermögen zu streuen und in Aktien zu investieren. Anders als in anderen Ländern hat die gesetzliche Rentenversicherung und somit die Altersvorsorge unter dem Schutz des Staats immer funktioniert. Jetzt ist die Situation des Anlegers anders. Um eine Rendite von 3 Prozent zu erzielen, muss er je zur Hälfte in Aktien und festverzinslichen Wertpapieren investiert sein.

Was halten Sie von Gold?

Gold wirft keinen Ertrag ab und ist spekulativ. Bei großen Vermögen halte ich einen Anteil von maximal 3 bis 5 Prozent gerechtfertigt.

Droht bei Immobilien eine Blase?

Man muss bei der Lage genau hinsehen. Union Investment verwaltet Immobilien im Wert von 30 Milliarden Euro. Wir sind in Hotels, Bürogebäuden und Shopping-Center weltweit investiert. In Kanada und in den USA sind derzeit attraktivere Immobilien-Objekte zu finden als in Deutschland.

Viele regionale Genossenschaftsbanken und Sparkassen stehen mit dem Rücken zur Wand. Sind Fusionen eine Lösung?

Alle aus der Not geborenen Fusionen bringen nichts, nur strategische Zusammenschlüsse machen Sinn. Eine Fusion um der Fusion willen ist Schwachsinn.

Das dichte Filialnetz ist ziemlich kostenintensiv.

Die Nähe zum Kunden kostet immer Geld. Die Volks- und Raiffeisenbanken stehen besser da als andere deutsche Banken. Natürlich müssen Sie an die Kosten ran, aber Sie dürfen dabei nicht vergessen, dass die Kraft aus der Kundennähe kommt.

Ist der niedrige Ölpreis ein Konjunkturprogramm?

In der Tat wirken die Tiefstpreise für Öl wie ein enormes Konjunkturprogramm. Jedoch werden dauerhafte Notierungen unter 40 Dollar für das Barrel ein Problem für die Emerging Markets und damit auch für den deutschen Export. Sollte der Ölpreis langfristig unter 30 Dollar fallen, bekäme auch die amerikanische Industrie - als weltgrößter Exporteur - ein Problem.

Der Ölpreis ist eine Frage des Angebots, der Weltmarkt wird überschwemmt, und manche Förderländer brauchen die Devisen. Die Russen verdienen bei unter 80 Dollar für das Barrel kein Geld, dagegen fördern die Saudis bis 23 Dollar profitabel. Ich erwarte mittelfristig einen Ölpreis zwischen 50 und 60 Dollar.

In keinem anderen europäischen Land wie in Italien sind so viele Banken durch den "Stresstest" der EZB gefallen.

Ich erwarte kurzfristig bei den italienischen Banken eine große Konsolidierungswelle. Das billige Geld verleitet dazu, notwendige Arbeitsmarkt- und Rentenreformen zu verschieben, nicht nur in Italien.

Zu welcher Anlage raten Sie unseren Lesern bei einem liquiden Vermögen ab 50 000 Euro?

10 Prozent sollten als Notgroschen in Liquidität geparkt werden, dann empfehle ich eine vernünftige Streuung zu je 15 Prozent in Aktien- und offene Immobilienfonds; der Rest sollte in festverzinslichen Wertpapieren angelegt werden.

Kam es durch den Rechtsruck bei den Wahlen am vergangenen Sonntag zu einem Image-Schaden für die Exportnation Deutschland?

Nein. Ich sehe auch keinen Rechtsruck. Die Menschen haben Angst vor der massiven Zuwanderung. Wir brauchen ein Konzept für die Integration. Die Eingliederung in die Arbeits- und kulturelle Welt muss verkraftbar sein.
Ein "weiter so" geht nicht mehr, die Anleger müssen sich neu orientieren.Hans Joachim Reinke, Vorstandsvorsitzender der Union Investment
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.