Jahresrückblick 2015
Volkswagen in der Krise

Das sind die Gesichter der VW-Krise: Der Aufsichtsratsvorsitzende Ferdinand Piëch (rechts) und der Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn nahmen 2015 ihren Hut. Bild: dpa

2015 geht als schwärzestes Jahr von Volkswagen in die Geschichte des Konzerns ein. Auf einen beispiellosen Machtkampf an der Spitze folgt ein weltweiter Skandal um Abgas-Manipulationen. Der Weltkonzern aus Wolfsburg wankt.

Wolfsburg. Das denkmalgeschützte VW-Hochhaus in Wolfsburg mit dem riesigen Logo ist eingerüstet: Die dringend nötige Sanierung macht die Konzernzentrale zur Großbaustelle. Ungewollt wird das Gebäude damit auch zum Symbol für die schwerste Krise in der Konzerngeschichte. Für Volkswagen war 2015 ein schreckliches Jahr. "Unser Ruf ist jetzt erstmal ruiniert", heißt es aus dem Konzern zum Jahresende. Die vergangenen Monate haben die VW-Welt radikal verändert. Und sie brachten ein neues Wort hervor: "Dieselgate", oder besser: "VW-Gate".

Erdbeben im "Spiegel"


Dabei sorgt Europas größter Autobauer bereits im Frühjahr für mächtig Wirbel. Es tobt ein beispielloser Machtkampf. Auslöser ist VW-Patriarch Ferdinand Piëch: "Ich bin auf Distanz zu Winterkorn", sagt er im April dem "Spiegel" - und löst ein mittleres Erdbeben aus.

"Der Alte", der bisher noch jeden Machtkampf für sich entschieden hat, zieht diesmal den Kürzeren. Eine Allianz aus dem bei VW mächtigen Betriebsrat, dem Land Niedersachsen und der Familie Porsche stützt Vorstandschef Martin Winterkorn, den langjährigen Ziehsohn Piëchs. Dem 78-jährigen Piëch bleibt nur der Rücktritt. Winterkorn (68) sitzt dann wieder fest im Sattel. Sein Vertrag soll verlängert werden, er will den Konzern reformieren. Mehr Verantwortung für Regionen und Marken fordert er, stärkere Ausrichtung auf Zukunftstrends, etwa den digitalen Wandel mit immer mehr Internet im Auto etwa sowie alternative Antriebe.

Am 18. September aber platzt die Bombe. US-Behörden werfen VW vor, mit einer illegalen Software Abgastests manipuliert zu haben, um die Grenzwerte beim Ausstoß des gesundheitsschädlichen Stickoxids einzuhalten. Noch am selben Wochenende gibt Volkswagen die Vorwürfe zu. Verglichen mit dem April-Beben sei der Diesel-Skandal eine "große Detonation" gewesen, heißt es im Konzern. Nun geht es nicht mehr um Namen. Die Zukunft Konzerns ist ins Wanken gekommen.

Inzwischen hat sich der Nebel gelichtet: 2005 und 2006 hatte VW massive Absatzprobleme in den USA. Toyota war mit seiner Hybridtechnik viel erfolgreicher. VW setzte auf "saubere" Diesel: "Clean Diesel" lautete der Slogan. Die USA haben allerdings strengere Stickoxid-Grenzwerte als Europa. Die Lösung war verhängnisvoll: Eine Schummel-Software garantiert zumindest auf dem Prüfstand die Grenzwerte. "Diesel-Gate" ist geboren.

Winterkorn kämpft nur noch kurz um sein Amt, will von allem nichts gewusst haben. Doch der wichtigste VW-Machtzirkel, das Aufsichtsrats-Präsidium, entzieht ihm das Vertrauen. Winterkorn übernimmt die Verantwortung für den Skandal, betont aber, dass er sich keines Fehlverhaltens bewusst sei. Sein Nachfolger wird Porsche-Chef Matthias Müller. Der 62-Jährige muss sich von Beginn an als Krisenmanager bewähren. Dennoch versinkt Volkswagen immer tiefer im Abgas-Sumpf. In 11 Millionen Fahrzeugen weltweit ist die berüchtigte Software eingebaut. Der Aktienkurs geht auf Talfahrt. Nur scheibchenweise rückt VW mit der Wahrheit heraus, immer mehr Juristen interessieren sich für die Affäre. Anwälte wittern Geschäfte. Es drohen Milliarden-Strafen.

Bei CO2 geschummelt


Anfang November dann der nächste Tiefschlag: VW teilt mit, auch bei CO2-Angaben falsche Angaben gemacht zu haben. 800 000 Autos sind betroffen. Im Klartext: Die Fahrzeuge pusten mehr Kohlendioxid aus als angegeben - der nächste Schock. Der Konzern wirkt wie gelähmt. Ende November gerät dann auch noch die VW-Tochter Audi in den Sog des Skandals. In 3,0-Liter-Motoren in den USA sei Software eingebaut, die als "Defeat Device" eingestuft werde, teilt die US-Umweltbehörde EPA mit. Es wird in Wolfsburg auch deshalb als ärgerlich angesehen, weil der Konzern die Vorwürfe zunächst als unzutreffend zurückgewiesen hatte. Muss nun auch Audi-Chef Rupert Stadler um seinen Job bangen?

Fragezeichen gibt es zum Jahresende noch viele. Immerhin kann VW nun erste technische Lösungen für den europäischen Markt verkünden. Neben einer neuen Software soll bei einigen Aggregaten auch ein neues Kunststoffrohr die Abgase legalisieren. Lösungen für den US-Markt sollen auch bald kommen. Der Skandal wird teuer für den Volkswagen-Konzern richtig teuer. Schätzungen gehen von bis zu 30 Milliarden Euro aus. Nicht existenzbedrohend, VW hat enorme Kapitalreserven. Dennoch stellt Müller alle Investitionen auf den Prüfstand. Seine Botschaft: VW fährt ab sofort auf Sicht.
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